Die Katze ist schockverliebt in die rotierende Waschmaschinentrommel. Der Dad erweist sich als zu schwer für die Spielplatzschaukel. Jemand rührt Glitzerschleim aus Kleber und Backpulver an. Das Problem an solchen, nur ein paar Sekunden kurzen Filmchen auf Social Media ist oft nicht so sehr, was erzählt wird, sondern wie – in Endlosschleife.
Der negative Flow der Short Videos
„Es ist vor allem ein Design, das süchtig macht, weil es sehr stark das Belohnungssystem anspricht von jungen Menschen. Dopamin wird im Gehirn freigesetzt“, erklärt der Augsburger Bildungsexperte Klaus Zierer. „Und das führt dazu, dass die Kinder hineingesogen werden, Raum und Zeit aus dem Blick verlieren, in einen Flow fallen, hier in einen negativen Flow, und das letztlich ungeheuer schädlich ist für die Kinder“.
Reels, Short Videos und Co. machen unkonzentriert
Der dauernde Konsum trainiert das Gehirn auf ständig wechselnde, reizintensive Inhalte. Konzentration, Ausdauer, Geduld – solche Fähigkeiten lassen nach. Genauso geht die Selbstkontrolle verloren. Fürs gute Lernen bräuchten Schülerinnen und Schüler all das aber dringend, betont Klaus Zierer.
Der Schulpädagoge hat Studien aus der Datenbank „Visible Learning“ [externer Link] ausgewertet. Das ist der weltweit größte Datensatz der empirischen Bildungsforschung, gewachsen in Jahrzehnten. Mehr als 3.200 internationale Metastudien sind darin versammelt, mit Millionen von Schülerdaten. Im Mittelpunkt steht die Frage: Welche Mechanismen unterstützen Lernen, welche nicht?
Lerneffekte gehen in kurzer Zeit verloren
Neu dabei sind Analysen auch zu Short-Form-Videos – mit für Zierer alarmierenden Ergebnissen: „Die Effekte sind eigentlich in allen psychischen Bereichen feststellbar, besonders stark ausgeprägt in der kognitiven Leistungsfähigkeit. Wer Shortform-Videos regelmäßig längere Zeit und auch sehr intensiv nutzt, muss damit rechnen, dass er zwei Schuljahre an Lerneffekten verliert“ [externer Link].
Zwei Stunden Scrollen steigern Stress und Ängste
Schon ab etwa 60 Minuten Video-Scrollen pro Tag, ob am Stück oder verteilt in kleinen Happen, treten Einbußen in Sachen Aufmerksamkeit und Konzentration auf. Ab rund zwei Stunden täglich nehmen bei vielen Kindern und Jugendlichen Stress und Ängste zu.
Welchen Effekt der Algorithmus hat
Befunde, die nochmal brisanter werden, meint der Entwicklungspsychologe an der Universität Paderborn, Sven Lindberg, weil Algorithmen User geschickt gefangen halten: „Das heißt, ich verstärke das eine, was jemand mag, also gibt es davon mehr. Dann unterbreche ich das und gebe mal wieder was anderes, langweiliges vielleicht, und dann bevor die Person aufgibt, gebe ich wieder etwas, was die Person mag. Und das ist dann ein Effekt, den wir überall beobachten können, wo Leute süchtig und abhängig werden.“
Typisches Resultat: Dauerswipen und am Ende weiß man nicht mehr, was hat man da eigentlich gesehen hat. Häufig stellt sich auch die erhoffte Entspannung nicht ein, denn flackernde Bilder und schnelle Impulse lassen das Gefühl für Raum und Zeit verschwimmen. Das Stresslevel geht nach oben.
Empfehlung: Kein Social Media unter 14 Jahren
Welche speziellen Auswirkungen verschiedene Plattform- oder App-Designs jedoch haben, was Likes oder eben keine im Gehirn erzeugt, ob Kinder und Jugendliche mit schlechter Konzentrationsfähigkeit per se eben einfach lieber Short Videos anschauen – zu all solchen Aspekten fehlen noch breite Längsstudien, sagt Isabell Brandhorst. Die Psychologin am Uniklinikum Tübingen beschäftigt sich unter anderem mit Social Media und Suchtverhalten.
Ihr Rat: „Bei Social Media empfehlen wir grundsätzlich keine Nutzung vor dem Alter von 14 Jahren. Und keine personalisierten Algorithmen vor dem Alter von 16 Jahren, weil man da eben nochmal anfälliger ist.“ Geht es in Familien gar nicht ohne Social Media, schlägt die Psychologin vor, Zeitfenster einzurichten, zum Beispiel 20 Minuten morgens, mittags und abends und das begleitet von den Eltern. Auch diese sollten ihren Umgang mit Social Media überprüfen.
Öfter mal abschalten – und zwar alle
Denn nicht nur auf Kinder und Jugendliche, sondern auch auf Erwachsene wirken sich Short-Videos in Dauerschleife negativ aus. Man kann also als Mama und Papa mit gutem Beispiel durchaus vorangehen – und Headbangende Kakadus, Tutorials für Spieleier in Herzform oder die zehn schlimmsten Schönheits-OPs der Stars mal nicht anschauen.

