Explodieren, Verglühen, Zerbrechen: Seit den Anfangstagen der Raumfahrt gehört das Scheitern quasi zum Programm. Besonders eindrücklich – und auch ironisch unterhaltsam – zeigt das die NASA in ihrem größten Besucherzentrum. Im Kennedy Space Center in Florida läuft seit Jahren ein Film über die Geschichte der US-Raumfahrt, in dem ein gescheiterter Raketenstart an den anderen geschnitten ist. Quintessenz: Aus den Fehlversuchen lerne man, wie es richtig geht.
Isar Aerospace will aus Fehlern lernen
Ähnlich sieht es Daniel Metzler, der Chef des Münchener Startups Isar Aerospace. Schon im Vorfeld des gescheiterten Starts seiner Spectrum-Rakte in Nordnorwegen hatte er in einem Pressegespräch erklärt, auch Elon Musks Space X habe mehrere Anläufe gebraucht, bis es am Ende mit einem Raketenstart geklappt habe. So sei es auch bei Isar Aerospace. Die Rakete sei mit Sensoren gespickt, deren Daten man regelmäßig auswerte. Bei Fehlern müsse man eben nachjustieren. Das könne eine einzige Zeile Software-Code sein oder ein winziges Bauteil, dessen Konstruktion man nachbessere. Mit einem verirrten Fischerboot, das den Zeitplan durcheinander bringt, hatte er allerdings wohl nicht gerechnet.
Fischerboot stört Weltraumpläne
Dass es mit dem geplanten Spectrum-Start diesmal nicht geklappt hat lag nämlich nicht am Versagen von High-Tech, sondern an einem menschlichen Fehler. Ein norwegischer Fischer räumte ein, er habe mit seinem Boot die sogenannte maritime Sicherheitszone rund um den Startplatz nicht rechtzeitig verlassen. Der Countdown musste deshalb zunächst gestoppt werden.
Als es dann mit einiger Verzögerungen um 21.21 Uhr hätte losgehen können war die genehmigte Startzeit abgelaufen. In norwegischen Medien wird darüber spekuliert, ob es sich um Sabotage handeln könnte. Bei Fischern vor Ort gebe es die Sorge, dass ihre Fanggründe immer häufiger und weiträumiger gesperrt werden, wenn es mehr Raketenstarts gibt.
Wann ein neuer Startversuch möglich ist
Wie schnell es mit einem neuen Anlauf für den Spectrum-Start klappt ist derzeit offen. Der Weltraumbahnhof Andøya Space Port teilte auf seiner Webseite mit, neue Aktivitäten gebe es „nicht vor dem 28. März“, also dem Samstag. Vor allem muss das sogenannte Startfenster passen. Es müssen also zum Beispiel gute Wetterbedingungen herrschen.
Das ist auf Andøya, einer Insel nördlich der Lofoten, häufig nicht der Fall. Vor allem Westwinde vom Europäischen Nordmeer können Probleme bereiten – denn dann könnten Wrackteile über der Insel abstürzen. Das derzeitige Startfenster gilt laut norwegischem Rundfunk NRK nur bis Sonntag, 29. März; das nächste soll sich aber bereits am 8. April öffnen und bis 19. April gelten.
Kunden warten auf die Raketen aus Bayern
In der Branche werden die Fortschritte von Isar Aerospace genau beobachtet. Klappt in naher Zukunft ein Start, würde dies einen Schub für die bayerische Raumfahrtindustrie insgesamt bedeuten. In den vergangenen Jahren sind im Freistaat tausende Arbeitsplätzen in der Space-Branche entstanden. Große Unternehmen wie Airbus oder OHB, aber auch dutzende Startups wollen im großen Stil Satelliten ins All bringen – für private Kunden ebenso wie für staatliche Auftraggeber, wie die Bundeswehr. Die Rede ist von einem Multi-Milliarden-Markt. Dabei geht es um unterschiedlichste Anwendungen: Von der sicheren Kommunikation über Erdbeobachtungsdaten in Echtzeit bis hin zur Koordination von militärischen Einsätzen.
Bundeswehr will Milliarden investieren
Einer der wichtigsten Kunden für die bayerische Space-Szene dürfte in den kommenden Jahren das Militär sein. Bisher hat die Bundeswehr nur sehr beschränkte Kapazitäten bei der Satellitenkommunikation. Das soll sich im Zuge der sogenannten Zeitenwende rasant ändern. Bei einem Branchengipfel in München sagte Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) in dieser Woche, allein bis zum Jahr 2035 wolle die Bundeswehr bis zu 35 Milliarden Euro für Projekte rund um den Weltraum ausgeben. Dazu kommen kommerzielle Programme und Forschungsmissionen im Milliardenwert. Der Freistaat habe hier angesichts seiner breit aufgestellten und gut vernetzten Raumfahrtbranche die Chance, überdurchschnittlich zu profitieren.
Trägerraketen als Engpass
Nadelöhr sind bisher die beschränkten Kapazitäten an Trägerraketen. Ein Markt, der bisher von US-Firmen wie Space X dominiert wird. Die in Bayern gefertigten Raketen von Isar Aerospace und dem Konkurrenten Rocket Factory Augsburg sollen diese strategische und wirtschaftliche Dominanz der USA in der Raumfahrt brechen und für mehr nationale und europäische Souveränität im All sorgen.

