Raimund ist verliebt. Nur für ein paar Tage ist er aus dem muffigen Deutschland der frühen 1930er-Jahre nach Paris gereist. Jetzt naht bereits der Abschied von der betörenden Teddy, eine österreichische Jüdin, die nicht daran denkt, nach Hause zurückzukehren. Mit ihr hat Raimund die französische Freiheit in bester Bohème-Gesellschaft bis Ultimo ausgekostet. Alle Lust will Ewigkeit! Und so versucht Raimund die letzten Momente, die ihm noch mit Teddy bleiben, fast krampfhaft festzuhalten. Ein aussichtsloses Unterfangen.
Schauspieler Moritz Treuenfels schlüpft in die Rolle des Raimund Pretzel, das Alter-Ego von Schriftsteller Sebastian Haffner, der den autobiografischen Roman „Abschied“ in seinen Zwanzigern geschrieben hat. Der Text wurde als wichtige Wiederentdeckung aus dem Nachlass des bedeutenden Publizisten im letzten Jahr gefeiert und als zart, witzig und poetisch gelobt. Mit feinsinnigen Zitaten und Anspielungen gespickt, oszilliert die Erzählung zwischen Liebesgeschichte und Zeitportrait. Ein durchaus reizvoller Stoff auch für das Theater.
Zum Scheitern verurteilt
Raimund vergleicht seine tragische Beziehung zu Teddy mit der Erzählung von Orpheus und Eurydike, denn auch er folgt dem Schatten seiner Geliebten in eine Art Unterwelt. In der griechischen Mythologie rührt das den Hades-Fürsten Pluto so sehr, dass er Orpheus erlaubt, Eurydike wieder mit hinauf ans Tageslicht zu nehmen – unter der Bedingung, dass er sich bis zu den Toren des Hades nicht nach ihr umsehen darf. Tut er es nur ein einziges Mal, muss Eurydike wieder zu den Schatten zurück. Und so geschieht es auch – ihre Liebe ist zum Scheitern verurteilt, so wie die von Raimund und Teddy.
Treuenfels meistert die Adaption für die Bühne in einem bemerkenswerten Solo. Bleiben ihm doch nicht viel mehr Mittel als ein Päckchen Zigaretten und ein eingestaubter Konzert-Flügel auf der Bühne, um das 90-minütige Ein-Mann-Stück zu bestreiten. Gelingt es aber den Theatermachern um Regisseur Matthias Rippert, die Vielschichtigkeit des Romans zu transportieren? Neben der Liebesgeschichte auch das Zeitportrait herauszuarbeiten?
Magischer Moment und Abschied für immer
Früh wird deutlich: Dieser Text hat es schwer auf der großen Bühne des Residenztheaters. Es dominiert die zähe Melancholie eines Wartenden, die in den guten Momenten mal etwas leichtfüßiger daher kommt. Der Urtext besticht dagegen auch durch Atemlosigkeit und Tempo, ob der verstreichenden Zeit, die den Liebenden noch bleibt. Das transportiert sich kaum in dieser Bühnenfassung. Dafür aber überrascht Schauspieler Moritz Treuenfels ab der zweiten Hälfte des Abends mit seiner Improvisation am Klavier. Dass das bis zu diesem Moment nur als Bühnenblickfang herumstehende Instrument nun endlich klingen darf, darauf haben die Zuschauer lange warten müssen.
Und daraus entwickelt sich nun doch noch ein sehr magischer Moment am Abend der Uraufführung in München. Treuenfels verlässt den Flügel. Wenig später bewegen sich die Tasten von allein. Es ist ein Pianola – ein selbstspielendes Klavier. Treuenfels Improvisation zuvor war dennoch echt. Das Pianola aber steht so sinnbildlich für die um ihr Los ringenden Liebenden: Gerade noch haben sie sich leidenschaftlich an der Klaviatur des Schicksals ausgetobt – und schon müssen sie begreifen, dass sie ihrer Bestimmung nicht entfliehen können. Es ist ein unausweichlicher Abschied für immer. Ein Abschied von der eigenen Jugend und einer Epoche kurz vor ihrem Untergang.

