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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Kultur > Von Sherlock bis Sheldon: Warum autistische Figuren faszinieren
Kultur

Von Sherlock bis Sheldon: Warum autistische Figuren faszinieren

Uta Schröder
Zuletzt aktualisert 2. April 2026 10:53
Von Uta Schröder
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5 min. Lesezeit
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Das kann doch kein Zufall sein: Auf der Liste der 100 beliebtesten TV-Charaktere aller Zeiten finden sich nicht weniger als elf autistisch codierte Figuren. Unter ihnen: Sherlock Holmes, Mister Bean, Sheldon Cooper und natürlich Mr. Spock.

Inhaltsübersicht
Mit Spock wird der Autist zum VorbildNach „Rain Man“ nimmt die Anzahl autistischer Figuren zuAutorinnen lassen sich oft von Menschen in ihrem Umfeld inspirierenDer Erfolg: Die sogenannten Normalos haben mehr Empathie

Mit Spock wird der Autist zum Vorbild

Ulrich Merkl wundert das nicht. Der Kunst- und Kulturwissenschaftler hat gerade ein neues Buch vorgelegt („Total Strangers“, Patmos Verlag), in dem er sich mit der Darstellung von Autismus in der Popkultur beschäftigt. Autisten seien einfach „spannende Figuren“, sagt er. Ihre Andersartigkeit mache sie attraktiv. „Oft heißt es: ‚Wie von einem anderen Planeten!‘ Was wiederum auf Spock ganz toll passt.“

Tatsächlich ist Spock die erste regelmäßige wiederkehrende Serienfigur mit klar autistischen Zügen, die obendrein auch noch positiv dargestellt wird, eben nicht als krank oder behindert. Statt einer „klinischen Opferrolle“ übernehme Spock eine „aktive Vorbildrolle“, so Merkl. „Er ist ja wirklich der Charakter, der immer den Karren aus dem Dreck zieht und die richtigen Entscheidungen trifft.“

Nach „Rain Man“ nimmt die Anzahl autistischer Figuren zu

Was Autismus im Kino angeht, ist die Anzahl an Filmen bis in die späten 1980er Jahre überschaubar und bisweilen auch problematisch in der Darstellung. In „Ein himmlischer Schwindel“ von 1969 spielt Elvis Presley einen singenden Arzt, der ein autistisches Mädchen „heilt“. Aber dann kommt 1988 „Rain Main“ in die Kinos.

Tom Cruise und Dustin Hoffman spielen das ungleiche Brüderpaar Charlie und Raymond Babbitt, die das Schicksal auf einen gemeinsamen Roadtrip schickt. Charlie muss mit Raymonds Ticks klarkommen, entdeckt aber auch die erstaunlichen Fähigkeiten seines autistischen Bruders. Legendär die Zahnstocher-Szene in einem Drive-In, als die weibliche Bedienung Zahnstocher verschüttet, deren Anzahl (246) Ray sofort erkennt.

„Rain Man“ sei gleichermaßen Fluch und Segen, sagt Merkl. Der Film verschaffte dem Thema Autismus Aufmerksamkeit. Vor seinem Erscheinen ging man davon aus, dass jeder 2.500ste Mensch davon betroffen ist, danach hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass jeder 70ste betroffen ist. Auch die Anzahl an Filmen und Serien mit autistischen Charakteren ist in der Folge stark angestiegen.

Autorinnen lassen sich oft von Menschen in ihrem Umfeld inspirieren

Allerdings glauben seitdem auch viele Laien, dass alle Autisten so sind: geistig beeinträchtigt und kaum zu einem selbstständigen Leben fähig, dafür aber ausgestattet mit mehreren sensationellen Wunderbegabungen. Beides stimme so nicht, betont Merkl. „Ein halbes Telefonbuch in einer Nacht auswendig lernen? Es gibt tatsächlich solche Menschen. Aber das sind auf der ganzen Welt vielleicht 50 oder 100.“

Buchautor Merkl ist übrigens selbst von Autismus betroffen. Seit seiner Asperger-Diagnose vor einigen Jahren hat er über 800 Bücher zu Autismus, nein, nicht auswendig gelernt, nur gelesen. Und einige Muster entdeckt. Vom Struwwelpeter bis zur Fabelhaften Welt der Amelie – ihre Autoren und Erfinder waren oder sind in der Regel entweder selbst Autisten oder haben sich von teilweise diagnostizierten autistischen Menschen im persönlichen Umfeld inspirieren lassen.

Der Erfolg: Die sogenannten Normalos haben mehr Empathie

Spock-Erfinder Gene Roddenberry nahm sich etwa seinen alten Polizeichef zum Vorbild und dessen Motto: Mit Hysterie löst man keine Probleme. Und Sir Arthur Conan Doyles Sherlock basiert auf seinem früheren Medizinprofessor Joseph Bell, der auch als Forensiker für Scotland Yard tätig war.

Und noch ein Muster hat Merkl entdeckt. Zwar gibt es inzwischen über 250 Spielfilme und 70 Serien mit fiktiven autistischen Hauptfiguren. Aber dass das „A-Wort“, also dass Autismus explizit erwähnt wird, ist erst seit 2017 Standard. Viel zu spät, findet Merkl.

Immerhin: Seit 2022 werden in allen US-Produktionen die Rollen autistischer Hauptfiguren ausschließlich mit autistischen Schauspielerinnen und Schauspielern besetzt. Und eines haben Filme und populäre Serien wie „Big Bang Theory“, „Wednesday“ oder „Bones – Die Knochenjägerin geschafft“ in jedem Fall geschafft, meint Merkel: die Empathie der sogenannten Normalos zu steigern.

 

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Von Uta Schröder
Uta Schröder ist eine versierte Kulturjournalistin und leitet das Ressort Kultur der WirtschaftsRundschau. Mit ihrem umfassenden Wissen und ihrer Leidenschaft für Kunst und Kultur bietet sie tiefgehende Analysen und spannende Einblicke in die kulturelle Landschaft.
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