Welche Pflanzen wachsen wo – und wie hat sich das in den vergangenen Jahrzehnten verändert? Um diese Frage zu beantworten, sind Forschende in ganz Europa an Orte zurückgekehrt, an denen sie vor Jahrzehnten die Vegetation kartiert hatten. Sie wollten wissen, wie der Klimawandel die Pflanzengesellschaften bereits beeinflusst. Und das in drei Habitaten: Hochgebirge, Wiesen und Wälder.
Noch hängen die Pflanzen dem Klimawandel hinterher
Dafür haben sie mehr als 6.000 sogenannte Vegetationsplots neu kartiert (externer Link). In allen untersuchten Ökosystemen hängen die Pflanzengemeinschaften der Klimaerwärmung zeitlich hinterher (externer Link) – sie verändern sich langsamer als die Umgebungstemperaturen.
„Daher könnte es in den kommenden Jahren zu schnelleren Veränderungen in der Vegetationszusammensetzung kommen“, erklärt der Vegetationsökologe Markus Bernhardt-Römermann von der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Co-Autor der Studie. „Dies passiert dann, wenn die Umweltbedingungen für einzelne Arten so ungünstig werden, dass diese lokal aussterben. Dieser Prozess variiert allerdings je nach lokalen Bedingungen.“
Klima im Hochgebirge gefährdet Bergflora
Im Hochgebirge erwärmt sich das Klima sogar fünfmal schneller als auf Wiesen oder in Wäldern, in denen für die Studie nur die Pflanzen am Boden untersucht wurden. „Das war eigentlich für uns am erstaunlichsten, dass das so weit auseinanderläuft“, so Bernhardt-Römermann. Das Problem im Hochgebirge ist zudem, „dass die kälteliebenden Pflanzen abnehmen und wärmeliebende einfach noch nicht in dem Maße nachgekommen sind“.
Hochgebirgsspezialisten – wie Alpen-Margerite oder Alpen-Mauerpfeffer – könnten also verschwinden, ohne dass Pflanzen, denen es in tieferen Lagen zu warm wird, ihre ökologische Nische übernehmen. Ein Forschungsprojekt in der Schweiz soll jetzt klären, ob man Pflanzen bei dieser Wanderung nach oben helfen kann. Ansonsten könnte die Vegetation lückenhaft und der dünne Boden durch zunehmende Erosion abgetragen werden.
Neue Bäume gesucht: Welche Arten vertragen Hitze?
Solange in Wäldern das Kronendach geschlossen ist, profitiert die Vegetation am Boden von diesem Puffer. Aber Sturm oder Krankheiten können diesen Schutz zerstören, dann wird es auch dort plötzlich heiß. Und natürlich ist das auch ein großer wirtschaftlicher Schaden. Hans-Joachim Klemmt von der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forst sucht deshalb unter anderem in Südeuropa nach Bäumen, die bei uns auch in 50 oder 100 Jahren noch gut gedeihen (externer Link).
Erst wurden in einer großen Baumarten-Datenbank vielversprechende Kandidaten ausgewählt. „Die Baumarten, die wir mit dem vorgeschalteten Filter als sinnvoll erachten, die versucht man anzubauen. An verschiedenen Standorten in Bayern, um entsprechende Empfehlungen treffen zu können. Und: Die gleiche Baumart kann verschiedene Herkünfte haben, auch das versuchen wir mit Herkunftsversuchen dezidiert zu beleuchten.“
Eine Traubeneiche von der Adriaküste kommt besser mit Hitze zurecht als eine Traubeneiche aus Oberbayern – aber vielleicht brauchen wir in Zukunft auch Bäume, die in Deutschland nicht heimisch sind. Diese „unterstützte Migration“ ist nur für die Forstwirtschaft erlaubt, nicht in natürlichen Ökosystemen.
Forscher wollen Pflanzen durch unterstützte Evolution helfen
Auch mit der zweiten Möglichkeit, bei der Klimaanpassung zu helfen, darf man bisher nur im Labor experimentieren: die „unterstützte Evolution“. Thorsten Reusch experimentiert am Geomar-Institut in Kiel mit Seegras, das in der Adria höhere Wassertemperaturen aushält als Seegras in der Ostsee. Es ist zwar dieselbe Art, hat aber in der Adria das Hitzeanpassungspotenzial im Erbgut aktiviert. „Deswegen können solche bevorzugten Genkombinationen auch eingekreuzt werden. Wir haben jetzt ein paar Hybride erzeugt, die testen wir erstmalig in diesem Jahr.“
Allerdings nur im Labor – für Freilandversuche müsste das Naturschutzgesetz geändert werden. „Dafür braucht man einen sehr langen Atem, denke ich. Es wird demnächst natürlich verstärkt diskutiert werden, inwieweit man die langsame Ausbreitung von guten Genen innerhalb von bestimmten Arten beschleunigen sollte.“
Die unterstützte Evolution ist damit neben der unterstützten Migration eine zweite Möglichkeit, Arten an ihrem Standort zu erhalten – bis wir es schaffen, die Klimaerwärmung zu stoppen.

