Unkontrolliertes Zittern, steife Muskeln, verlangsamte Bewegungen, Gleichgewichtsstörungen: typische Symptome von Morbus Parkinson. Wie und warum diese unheilbare chronische und langsam fortschreitende neurologische Erkrankung entsteht, ist nicht vollends geklärt. Höheres Lebensalter gilt als wichtigster Risikofaktor, auch die Genetik kann eine Rolle spielen. Eine neue gemeinsame Studie der Universitäten Augsburg und Bonn sowie des Universitätsklinikums Bonn (UKB) will herausfinden, warum manche Menschen an Parkinson erkranken, während andere trotz ähnlicher Voraussetzungen gesund bleiben.
Welche Rolle spielt das „Exposom“ bei Parkinson?
Im Mittelpunkt der Studie steht das „Exposom“, also die Gesamtheit aller Umwelt- und Lebensstilfaktoren, denen ein Mensch im Laufe seines Lebens ausgesetzt ist – wie Ernährung, Umweltchemikalien oder Mikroplastik. „In Augsburg messen wir im Blut der Studienteilnehmer über 100 verschiedene Umwelt- und Industriechemikalien, die sich im menschlichen Körper anreichern können“, sagt Evelyn Lamy, Leiterin des Lehrstuhls für die Erforschung umweltbezogener Wirkmechanismen auf die Gesundheit an der Universität Augsburg.
„Außerdem untersuchen wir Mikroplastikpartikel, analysieren das Darmmikrobiom und messen Stoffwechselprodukte im Blut, die Hinweise auf frühe biologische Veränderungen geben können.“ Ziel sei es, „Exposom-Signaturen“ zu identifizieren – also Muster von Umweltbelastungen und biologischen Veränderungen, die mit dem Risiko für Parkinson zusammenhängen.
Forschungsschwerpunkt ist zudem die Darm-Hirn-Achse: „Es gibt Hinweise darauf, dass der Darm eine wichtige Rolle in sehr frühen Krankheitsphasen spielen könnte, etwa über Veränderungen des Mikrobioms, entzündliche Prozesse oder eine veränderte Barrierefunktion des Darms. Deshalb untersuchen wir gezielt Marker der Darmbarriere, um besser zu verstehen, ob und wie Umweltfaktoren über diese Schnittstelle frühe neurodegenerative Veränderungen beeinflussen könnten“, erklärt Professorin Lamy.
Seltene Schlafstörung als Marker für Parkinson
Die Studie analysiert Proben von 200 Menschen, die die „isolierte REM-Schlaf-Verhaltensstörung“ (iRBD) haben. Bei dieser seltenen Schlafstörung bewegen sich Betroffene während des Träumens aktiv im Schlaf, weil die normalerweise vorhandene Muskelruhe im REM-Schlaf fehlt. „Ihre Daten werden mit denen gesunder Kontrollpersonen verglichen. Die iRBD gilt heute als einer der spezifischsten klinischen Marker für eine sehr frühe Phase von Erkrankungen wie Parkinson“, sagt Michael Sommerauer, Neurologe und Sektionsleiter für neurologische Schlafmedizin am Universitätsklinikum Bonn.
Langzeitstudien hätten gezeigt, dass ein großer Teil der Betroffenen im Verlauf von zehn bis 15 Jahren eine solche neurodegenerative Erkrankung entwickelt. Bei vielen dieser Personen habe der Krankheitsprozess biologisch bereits begonnen, auch wenn die typischen Parkinson-Symptome noch nicht sichtbar seien. „Deshalb ist diese Gruppe für die Forschung so wertvoll; sie erlaubt es, sehr frühe Veränderungen zu untersuchen, bevor die typischen motorischen Parkinson-Symptome auftreten“, sagt Sommerauer.
Weltweit haben Millionen von Menschen Parkinson
Langfristig hoffen die Forschenden, neue Ansatzpunkte für Prävention und frühzeitige Intervention bei Parkinson zu finden. Denn je früher Risikofaktoren erkannt werden, desto größer ist die Chance, den Krankheitsverlauf zu beeinflussen. Eine aktuelle Modellierung in der medizinisch-wissenschaftlichen Fachzeitschrift BMJ geht davon aus, dass die Zahl der Parkinson-Betroffenen weltweit von 11,9 Millionen im Jahr 2021 auf rund 25,2 Millionen im Jahr 2050 steigen könnte.
Regelmäßige Bewegung und pflanzliche Ernährung sind sinnvoll
Eine sichere Möglichkeit, Parkinson zu verhindern, gibt es nach heutigem wissenschaftlichen Stand nicht, sagen die Studien-Verantwortlichen. Es gebe jedoch Hinweise darauf, dass regelmäßige körperliche Bewegung mit einem geringeren Erkrankungsrisiko verbunden sein könnte. Auch eine mediterrane Ernährungsweise mit viel Gemüse, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Olivenöl und Fisch werde in Studien mit einem niedrigeren Risiko in Zusammenhang gebracht. Eine sichere ursächliche Schutzwirkung lasse sich so aber nicht belegen.

