Die Wette auf das Büro
Dass OpenAI nun den Kurs wechselt, liegt wohl auch an einem der wichtigsten Konkurrenten: Anthropic. Das Unternehmen wurde vor einigen Jahren als sicherheitsbewusstere Alternative zu OpenAI gegründet – mittlerweile gilt der Chatbot Claude von Anthropic als deutlich leistungsstärker als Platzhirsch ChatGPT. Das liegt auch daran, dass Anthropic sich klar auf den Arbeitsalltag fokussiert hat: Bilder, Videos und Werbung gibt es bei Claude alles nicht. Dafür ist der Chatbot besonders gut im Analysieren von Daten und Computercode.
Das spiegelt sich in den Zahlen. Anthropic hat laut eigenen Angaben seinen hochgerechneten jährlichen Umsatz von 9 Milliarden Dollar Ende 2025 auf über 30 Milliarden Dollar im April 2026 gesteigert. Der Großteil davon kommt von Firmenkunden. Um mit der Nachfrage Schritt zu halten, hat das Unternehmen gerade erst einen neuen Vertrag mit Google und Broadcom über 3,5 Gigawatt Rechenkapazität geschlossen. In den USA entscheiden sich drei Viertel aller Unternehmen, die zum ersten Mal ein KI-Tool kaufen, inzwischen für Anthropic.
Auch OpenAI hat reagiert. Intern hat die neue Produktchefin Fidji Simo angekündigt, sogenannte „Nebenprojekte“ einzustampfen und sich auf Produktivitäts-Tools zu konzentrieren. Die Einstellung von Sora war eine direkte Folge dieser Neuausrichtung – ebenso wie die Übernahme des Software-Projekts OpenClaw, mit dem OpenAI stärker in sogenannte agentische Software investieren will: KI, die eigenständig Aufgaben erledigt, Systeme bedient und Abläufe automatisiert.
Die Software-Apokalypse
An den Börsen ist die Verschiebung bereits spürbar. Als Anthropic Anfang Februar Plugins für Rechts-, Vertriebs- und Datenanalyse-Aufgaben vorstellte, verloren Aktien von Anbietern wie Thomson Reuters und Wolters Kluwer zweistellig. Als das Unternehmen ankündigte, sein Coding-Tool könne veraltete COBOL-Systeme in Monaten statt Jahren modernisieren, verlor IBM an einem Tag über 13 Prozent – der stärkste Kursverlust seit dem Jahr 2000.
Der Gedanke dahinter: Viele Software-Dienste, für die Menschen bisher monatliche Abos bezahlt haben, lassen sich zunehmend direkt mit KI erledigen. Das könnte, so vermuten manche, langfristig viele Software-Unternehmen obsolet machen. Ob das tatsächlich stimmt, ist fraglich. Aber das KI-Zeitalter übt Druck auf die erfolgsverwöhnte Software-Branche aus, wie es ihn lange nicht mehr gab.
Die Kreditkartengebühr der Arbeitswelt
Die Wette, die Anthropic, OpenAI und Co. eingehen, hat es in sich: Wenn KI-Agenten in Zukunft tief in Arbeitsprozesse eingebettet sind – Verträge prüfen, Code schreiben, Analysen erstellen, Termine koordinieren – dann verdienen die KI-Anbieter an jedem dieser Vorgänge mit. Nicht als einmaliger Softwareverkauf, sondern als laufende Gebühr bei jeder Nutzung. Das wäre vergleichbar mit einer Kreditkartentransaktion: eine kleine Beteiligung an jedem Vorgang, überall dort, wo Arbeit stattfindet.
Aber ob die Rechnung aufgeht, ist offen. OpenAI selbst erwartet für 2026 Verluste von 14 Milliarden Dollar. Die Versprechen der großen KI-Firmen werden zunehmend kritisch hinterfragt. Sowohl bei Anthropic als auch bei OpenAI wird aktuell über Börsengänge diskutiert. Diese könnten die Unternehmen zwingen, Details über das eigene Geschäft offenzulegen, die die Unternehmen bisher erfolgreich verbergen konnten.

