Eine schüchterne junge Frau wird Assistentin der Chefredakteurin bei einem Modemagazin: Das ist die Story von „Der Teufel trägt Prada“. Chefin Miranda Priestly tritt dabei als eine Art Mode-Diktatorin auf: Sie hat Macht – und sie weiß das. Auf ihr Urteil sind die Labels angewiesen. Vorbild für die von Meryl Streep verkörperte Film-Chefin war Anna Wintour, fast 37 Jahre lang Chefredakteurin der Vogue und damit lange Zeit die mächtigste Frau der Modebranche. Der Film beruhte auf dem gleichnamigen Roman von Laurin Weiberger, die tatsächlich einmal die Assistentin von Anna Wintour war.
Doch seit Teil 1 von „Der Teufel trägt Prada“ aus dem Jahr 2006 sind 19 Jahre vergangen. Welche Macht haben Chefredakteurinnen heute noch? Spielen Printmagazine überhaupt noch eine Rolle in der Modewelt? Und war der erste Teil von „Der Teufel trägt Prada“ wirklich authentisch?
Die Macht haben heute die Influencer
„Natürlich war der Film damals überzeichnet“, sagt Mode-Expertin Claudia Gröhner, die damals einen eigenen Modeladen hatte. „Gleichzeitig hat der Film die Welt der Mode, ihre Hierarchien und Strukturen auch gut widergespiegelt.“ Heute haben Printmagazine wie Vogue, Marie Claire oder Elle längst nicht mehr so viel Einfluss. Man muss bedenken: 2006 gab es weder Instagram noch Tiktok. „Jetzt haben die Influencer die Macht“, sagt Claudia Gröhner. Information und Inspiration laufen hauptsächlich über das Netz.
Abgesehen von Informationsmedium hat sich auch die Mode selbst in den letzten 20 Jahren geändert. Vintage und Streetwear spielen heute eine große Rolle. „Früher herrschte ein regelrechtes Modediktat: Wenn der Minirock in war, dann musstest du Minirock tragen. Heute ist das Feld breiter“, sagt Claudia Gröhner. „Balenciaga schickt jetzt eine Mülltüte als Tasche über den Laufsteg – alles ist möglich. Und jeder Trend hat auch eine Gegenbewegung. Gerade sind zum Beispiel Anzüge wieder aktuell – kombiniert mit Sneakern und Tanktop zum Beispiel.“
Die diversen Möglichkeiten, sich durch Mode auszudrücken und vor allem seine Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, findet Claudia Gröhner positiv. Anderes hat sich zum Negativen entwickelt: „Die Preise sind in absurde Höhen abgedriftet. Früher war ein T-Shirt für 200 Euro teuer, heute kosten die Shirts der großen Labels 1.000 Euro und niemand wundert sich. Dabei sind Material und Verarbeitung oft nur ein klein bisschen besser als bei Shirts in durchschnittlichen Preiskategorien.“
Weiterhin wichtig: Der Laufsteg
Weiterhin wichtig: der Laufsteg. So heißt auch das fiktive Magazin im Film „Runway“. „Die Shows der großen Labels sind weiterhin ein großes gesellschaftliches Spektakel“, sagt die Mode-Expertin Gröhner. „Die Fashion Week in Mailand ist ein Ereignis! Allerdings sitzen nicht mehr nur Einkäufer, Experten und Fach-Journalisten in der ersten Reihe, sondern vor allem Influencer und Promis.“
Neu ist auch, dass jeder diese Shows sofort sehen kann. Wo früher hin und wieder heimlich gefilmt wurde, wird jetzt ganz offiziell live gestreamt: Jeder kann dabei sein. Insofern ein Schritt in die Demokratisierung. „Früher habe ich im Herbst eingekauft und die Sachen im Frühjahr im Laden gehabt, jetzt sieht man die Looks der großen Shows vier, fünf Wochen später schon auf der Straße.“
Und Prada? Wie ist das Label gealtert? „Prada ist nach wie vor eines der großen Labels, auf das alle schauen und das alle bewundern. Prada ist weiterhin ein Familienunternehmen und Miuccia Prada steht auch mit über 70 Jahren noch persönlich hinter jeder einzelnen Kollektion. Während andere Labels ständig neue Chefdesigner einkaufen, zeigt Prada da eine große Konstanz.“
Meryl Streep trägt weiterhin Prada
Bei der Weltpremiere von „Der Teufel trägt Prada 2“ in New York am 20. April erschien Meryl Streep tatsächlich in einem Outfit von Prada: einem orangefarbenen langen Mantelkleid. Der Teufel trägt also immer noch Prada!
Und noch etwas ist trotz radikaler Veränderungen in der Branche gleich geblieben: Die starken Hierarchien, sagt Claudia Gröhner. „Es gibt viel Ausbeutung in dieser Branche. Das ist heute genauso wie vor 20 Jahren – vielleicht sogar noch schlimmer: Alles ist noch schneller geworden, es gibt noch mehr Kollektionen, der Druck auf die Labels und die Mitarbeiter ist noch höher. Denn letztendlich geht es auch ums Geld.“

