Surreal sind die Bilder, die Markus Schleinzer in seinem dritten Spielfilm entwirft. Auch wenn es sich bei „Rose“ dem Inhalt nach um einen Historienfilm handelt, angesiedelt zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs.
Frage nach Selbstbestimmung steht im Mittelpunkt des Films
Die ersten Szenen entführen in den Südharz. Tote Bäume ragen in den Himmel, reißen mit ihren kahlen Spitzen die Nebeldecke auf. Und doch verirrt sich kein wärmender Sonnenstrahl auf das Gesicht des einsamen Soldaten, der verloren auf einem kargen Hügel steht und verwundert das karnevaleske Treiben einiger Dorfleute betrachtet. Wie Derwische jagen sie johlend hintereinander her, tragen Tierfelle und Masken. Ihr wahres Gesicht werden sie schneller zeigen, als es dem stillen Beobachter lieb ist.
Irritierend und albtraumhaft schön ist das Anfangsszenario dieses historischen Dramas, dessen Schwarz-Weiß-Bilder nüchterne Authentizität suggerieren und den Blick aufs Wesentliche richten: die vom Film aufgeworfenen Fragen nach Identität und Selbstbestimmung.
Rose nimmt männliche Identität an
Auch Titelfigur Rose, gespielt von Sandra Hüller, trägt in gewisser Weise eine Maske. Seit dem Krieg gibt sie sich als Mann aus, hat ihr Vaterland verteidigt, auf dem Schlachtfeld ihr Leben riskiert und ihr von der Gesellschaft diktiertes Dasein als privilegienarme Gebärmaschine begraben.
Rose ist jetzt ihr eigener Herr. Mehr sogar: In dem Dorf, das sie im Soldatengewand zu Filmbeginn aufsucht, übernimmt sie einen brachliegenden Hof, die Papiere, die sie als Besitzer ausgeben, hat sie in der Tasche. Und auch wenn niemand diesen wortkargen Kriegsheimkehrer mit dem von einer Schusswunde entstellten Gesicht als einen der ihren erkennt, sein Geld nehmen Angestellte und Geschäftspartner gern.
Regisseur Schleinzer entwirft dichtes Gesellschaftspanorama
Weit schwerer zu erwerben ist allerdings das Vertrauen der Dorfgemeinschaft. Wie auf dem Duellierplatz stehen sich Roses Hoffnung auf ein besseres Leben und die ablehnende Skepsis der anderen gegenüber. Es ist ein feindseliges Umfeld, ein Kriegsschauplatz im Kleinen, und eine in die Gegenwart hineinreichende Situation, die Genderfragen ebenso thematisiert wie Machtgefüge und die Angst vor Fremden und Veränderung.
Wen wundert’s da noch, dass Rose die Kugel um den Hals trägt, die vor Jahren ihre rechte Gesichtshälfte zerrissen hat. Immer wieder beißt sie gedankenverloren auf dem verformten Metallstück herum, als sei sie dazu verdammt, die Kälte und Härte des Lebens zu schmecken, selbst wenn sich das Glück auf ihre Seite zu schlagen scheint.
Dieser Film hätte mehr Auszeichnungen verdient
Regisseur Schleinzer liefert mit „Rose“ ein meisterhaft verdichtetes Gesellschaftspanorama ab. Wie schon in seinen ersten beiden Filmen erkennt man seine Verbundenheit mit klugen Kinoverstörern wie Michael Haneke, Jessica Hausner oder Uli Seidl. Hauptdarstellerin Sandra Hüller hat für ihre bravourös geerdete Leistung den Silbernen Bären als beste Darstellerin gewonnen. Warum die Berlinale-Jury dem Film nicht noch mehr Preise verliehen hat, ist eine der vielen Fragen, die man nach dieser 90-minütigen Arthouse-Glanzleistung mit nach Hause nimmt.

