Der Kiesweg, der zum ehemaligen Forsthaus führt, ist zu schmal für Petra Göttlichs Wendemanöver. Das Problem ist der Anhänger, der so groß ist wie ein kleiner Kiosk. Also packen alle mit an, koppeln ihn ab und schieben ihn bis zum Eingang des alten Forsthauses. Denn ohne den Anhänger geht es nicht.
Mit dem Anhänger auf Tour durch die Fränkische Schweiz
Der Verein „Klappstuhl-KulTour“ hat ihn bei allen Veranstaltungen dabei. Ungewöhnliche Künstler an ungewöhnliche Orte in der Fränkischen Schweiz bringen, das ist das Ziel der Initiative. An diesem Abend steht ein Kerzenlichtkonzert in einem Forsthaus aus dem 18. Jahrhundert im oberfränkischen Markt Wiesenttal auf dem Plan.
Alles, was es dafür braucht, passt auf den Anhänger: Toilettenzelt, Snackbar, Beleuchtung. Und natürlich ein paar Klappstühle zum Verleihen. Aber nur für den Notfall – die meisten Gäste bringen ihre Sitzgelegenheiten selbst mit.
Das Publikum bringt die Sitzgelegenheiten selbst mit
Ungefähr neun Jahre ist es her, da hatte Petra Göttlich die Idee, aus der „Klappstuhl-KulTour“ entstanden ist. Sechs Mitstreiterinnen hat sie seitdem dafür gewonnen, und einen Mitstreiter. Alle sind ehrenamtlich dabei.
Die 58-jährige gelernte Augenoptikerin ist überzeugt, dass ihr Engagement eine Lücke füllt. Denn was in der Fränkischen Schweiz fehlt, das sind Konzertsäle, Kinos, Theater, Museen und Kulturzentren. „Wir müssen, wenn wir hier in dieser paradiesischen Landschaft leben, für Kultur immer weit fahren“, seufzt sie. „Und ich glaube, dass man öfter etwas ausprobiert, wenn man nicht so weit fahren muss.“
Also bringt sie Musik, Theater, Kino, Lesungen und Kleinkunst einfach direkt zu den Menschen. Mal findet das dann auf dem Vorplatz einer Kapelle statt, mal in einem Baumarkt, in der Bushalle eines Busunternehmens, in einer Burgruine oder einfach auf der grünen Wiese.
Der Eintritt erfolgt auf Spendenbasis. Und Künstlerinnen und Künstler aus der Region bekommen eine Bühne. So wie das Duo Anna Banno und Christian Gies, das an diesem Abend im April im historischen Forsthaus Handpan mit Gesang verbindet.
Bayern 2-Jury würdigt den Vorbildcharakter von „Klappstuhl-KulTour“
Die Villa liegt direkt am Waldrand, am Fuß des Streitbergs, im Garten plätschert ein Brunnen. Vor dem Eingang hat das Team im Handumdrehen Snacks, Getränke und das Toiletten-Zelt aufgebaut. Die ersten Gäste sind schon von weitem zu erkennen. Viele tragen Campingstühle unterm Arm. Per Klingel bittet Göttlicher dann ins Forsthaus. Bald hat jeder im historischen Treppenhaus ein Plätzchen für seinen Klappstuhl gefunden. Im Kerzenlicht verschwimmen die Konturen, die Musik beginnt.
Aus Sicht der Jury des Kulturpreises „Bayern 2 Kultur Impuls“ ist die Initiative ein gutes Beispiel dafür, dass Kultur trotz knapper Kassen und schwieriger Rahmenbedingungen kreativ, nachhaltig und nahbar gestaltet werden kann.
Das Publikum im Forsthaus sieht’s ähnlich. „Total schön nach einem stressigen Tag“, meint eine junge Frau nach dem Konzert. „Ein richtig schönes Runterkommen!“

