Vor allem Bildung und Einkommen der Eltern entscheiden über die Schullaufbahn der Kinder. Weniger ins Gewicht fällt dagegen ein Migrationshintergrund. Das ist das Fazit des Chancenmonitors 2026 [externer Link]. „Wir sehen sehr deutlich, dass der Bildungsstand, also ob die Eltern selbst auf dem Gymnasium waren, den allergrößten Effekt hat. Einen nahezu gleichen Effekt hat das Haushaltseinkommen“, erklärt Studienmitautor Ludger Wößmann vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München (Ifo-Institut) [externer Link].
Die Datenbasis des Chancenmonitors bildet der jeweils aktuelle Mikrozensus. Das ist die alljährlich größte Haushaltsbefragung in Deutschland durch die Statistischen Ämter des Bundes und der Länder. Erfasst sind darin auch Informationen zu über 67.000 Kindern und Jugendlichen zwischen zehn und 18 Jahren wie Lebensumstände und Ausbildungsweg.
Bei weitem nicht Chancen für alle
Auf Basis dieser Daten bestimmen die Forschenden, wer auf das Gymnasium geht. Es sei nicht so, betont Bildungsökonom Ludger Wößmann, dass der Besuch dieser Schulart für jedes Kind das Beste sei. Die Chancen, auf ein Gymnasium zu gehen, sollten aber nicht vom sozialen Hintergrund abhängen, sondern für alle gleich sein.
Das sind sie aber nicht. So lautet beispielsweise ein Ergebnis des Chancenmonitors 2026: Die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, liegt für ein Kind, dessen Eltern kein Abitur haben und zum untersten Einkommensviertel zählen, nur bei 16,9 Prozent. Dagegen geht ein Kind, dessen Eltern beide Abitur haben und deren Einkommen im obersten Viertel angesiedelt ist, mit einer Wahrscheinlichkeit von 80,3 Prozent aufs Gymnasium. Das gilt auch, wenn es in der Familie einen Migrationshintergrund gibt.
Schon der erste Chancenmonitor 2023 [externer Link] war zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Zwar kam bei diesem eine etwas andere Methodik zum Einsatz, doch ein Vergleich mit der aktuellen Ausgabe bestätigt: Viel verbessert hat sich nicht.
Mehr konkrete Maßnahmen würden Chancen verbessern
Bildungsökonom Ludger Wößmann vom Münchner Ifo-Institut und Mitautor des „Chancenmonitors 2026“ wünscht sich mehr konkrete Initiativen vom Bund. Aber auch von den Bundesländern, die in Deutschland vor allem für die Bildungspolitik zuständig sind: „Man kann da viel machen. Aber man muss davon weggehen, das mit der Gießkanne zu tun und gezielt die Kinder aus benachteiligten Familien fördern.“
Der „Chancenmonitor 2026“ versammelt auch eine ganze Reihe an Handlungsempfehlungen, beispielsweise eine längere gemeinsame Grundschulzeit der Kinder und eine spätere Aufteilung zwischen Gymnasium, Realschule und Mittelschule. Empfohlen werden auch kostenfreie Nachhilfeprogramme.
Jungs immer mehr abgehängt bei der Bildung
Neu ist: Der Fokus soll wieder mehr auf den Jungen liegen. Denn zum ersten Mal hat die Untersuchung auch Chancenunterschiede bei den Geschlechtern erfasst. Ergebnis: Während 43,5 Prozent der Mädchen ein Gymnasium besuchen, sind es nur 36,9 Prozent der Jungen. Der Rückstand zieht sich durch alle sozialen Gruppen. Allerdings fällt dieser Gender Gap zu Lasten der Jungen in den obersten Bildungs- und Einkommensgruppen geringer aus. Er wird mit der Zeit auch nicht kleiner: Im Laufe der Schulzeit fallen die Jungen noch weiter zurück.
In den vergangenen Jahren habe sich die Bildungspolitik stark auf die Mädchen konzentriert, bilanziert Ludger Wößmann vom Münchner Ifo-Institut. Besonders im MINT-Bereich (Mathematik, Naturwissenschaften, Informatik, Technik) habe es viel Unterstützung mit guten Ergebnissen gegeben. Jungen seien dagegen im Durchschnitt zurückgefallen.
Untersuchungen zeigen: Viele Jungen haben wenig Lust auf Lernen oder Lesen. Zudem organisieren sie sich selbst nicht so gut wie Mädchen und sehen seltener Rollenvorbilder. In deutschen Kitas und Grundschulen sind männliche Erzieher und Lehrer rar. Auch das formuliert der „Chancenmonitor 2026“ als Empfehlung an die Bildungspolitik: mehr männliches Personal in Bildungsberufen.
Bildungsministerin Prien: Mehr Förderung für Jungs
Auch Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) sieht hier ein Manko. Bei der Vorstellung des Chancenmonitors am Dienstagvormittag in Berlin sagte Prien: „Wir haben uns seit Jahrzehnten zu Recht angestrengt, Bildungschancen für Mädchen zu verbessern. Die Jungs haben wir aus dem Blick verloren“. Das sei keine deutsche Entwicklung, sondern in allen OSZE-Ländern und besonders in den Vereinigten Staaten und Großbritannien zu sehen.
„Auch in Deutschland geht nun diese Schere zwischen Jungs und Mädchen weiter auf“, bilanzierte die Bundesbildungsministerin. Fortschritte in der Gleichstellungspolitik könne es laut Prien künftig nur geben, wenn beide Geschlechter gleichermaßen gesehen würden – „mit ihren besonderen Bedarfen und Problemen“, so die Ministerin.

