Seit einigen Jahren schützt ein Sperrwerk aus beweglichen Fluttoren Venedig vor Hochwasser. Die Lagunenstadt liegt nur knapp über dem Meeresspiegel – und der steigt, verursacht durch den Klimawandel. Piero Lionello, Experte für Hochwasserprävention an der Universität Salento, hat in einer Studie für das Fachmagazin Scientific Reports [externer Link] berechnet: Auf Dauer werden Venedigs Schutzbarrieren nicht ausreichen. „Wir können Venedig noch eine Zeit lang schützen, ein paar Jahrzehnte, vielleicht etwas länger, aber nicht auf unbestimmte Zeit, wenn der Meeresspiegel weiter steigt.“
Der Meeresspiegel in Venedig steigt
In Venedig liegt der Meeresspiegel schon heute rund 30 Zentimeter höher als vor 150 Jahren. Dass der Meeresspiegel weiter ansteige, sei unstrittig, bestätigt die Ozeanografin Corinna Schrum vom Helmholtz-Zentrum Hereon. Wenn der Klimawandel weiter so rasch voranschreite, könnten die Meeresspiegel selbst an europäischen Küsten am Ende dieses Jahrhunderts bis zu einem Meter über dem jetzigen Pegel liegen, so Schrum: „Wir müssen den Anstieg der Meeresspiegel im Auge behalten. Nicht nur, was in den Modellen in der Zukunft passiert, sondern wie es sich auf dem Pfad dahin entwickelt. Und wir müssen darauf vorbereitet sein.“
Niederlande als technisches Vorbild im Hochwasserschutz
Viel Erfahrung mit Hochwasser hat man in den Niederlanden. Über ein Viertel des Landes liegt unter dem Meeresspiegel. An den Meeresspiegelanstieg passen sich die Niederländer mit einer Kombination aus verstärktem Hochwasserschutz (Deiche, Deltawerke), Sandaufspülungen an der Küste und innovativem Wassermanagement („Raum für den Fluss“) an. Bis zu einem Meeresspiegelanstieg von vier bis fünf Metern könnten sich die Niederlande entsprechend anpassen, sagt Schrum.
Schutz vor Hochwasser ist teuer
Die bereits existierende Hochwassersperranlage in Venedig hat über sechs Milliarden Euro gekostet. Jedes Hochfahren und Absenken der Barrieren schlägt mit rund 200.000 Euro zu Buche. Noch viel höher werden die Kosten jedoch sein, wenn solche Barrieren nicht mehr ausreichen.
Städte wie Venedig oder zum Beispiel Indonesiens Hauptstadt Jakarta haben ein zusätzliches Problem: Sie sinken ab. Die Städte wurden auf sandigem und matschigem Boden gebaut. Weil zu viel Grundwasser entnommen wird, gibt der Boden unter dem Gewicht der Gebäude zunehmend nach. So ist Venedig in den letzten 100 Jahren um mehr als zwanzig Zentimeter abgesackt, Teile Jakartas sinken sogar um bis zu 25 Zentimeter – pro Jahr. Indonesiens Regierung ist schon dabei, einen kühnen Plan umzusetzen: Die Hauptstadt soll verlegt werden.
Muss Venedig verlegt werden?
Das Autorenteam der aktuellen Venedig-Studie hat durchgerechnet, was eine Verlegung Venedigs kosten würde: bis zu 100 Milliarden Euro. Bei einem Meeresspiegelanstieg von mehr als 4,5 Metern, mit dem die Forscher ab dem Jahr 2300 rechnen, könnte dieses Szenario tatsächlich notwendig werden. Bis zum Ende des Jahrhunderts wird ein Meeresspiegelanstieg von etwa 40 bis 80 Zentimetern prognostiziert. Es könnten aber auch bis zu 180 Zentimeter sein, wenn die Treibhausgasemissionen nicht vermindert werden und die globale Temperatur um mehr als vier Grad Celsius ansteigt.
Deiche und Dämme würden das Ökosystem Venedigs bedrohen
Laut der Studie ließe sich Venedig zum Beispiel durch ringförmige Deiche schützen, die das Stadtzentrum vom Rest der Lagune abtrennen. Auch die Schließung der Lagune durch einen großen Damm ist ein Szenario, allerdings mit gravierenden Folgen für das Ökosystem. Denn nur durch den Austausch des Wassers zwischen Meer und Lagune können die Abwässer der Stadt ins offene Meer abfließen.
Vorausschauende Infrastruktur gegen Überflutung
Ozeanografin Schrum will sich für Venedig einem Worst-Case-Szenario nicht anschließen. Man könne noch nicht alle Faktoren der wirtschaftlichen, technischen oder der Bevölkerungsentwicklung absehen: „Ich fand ermutigend an der Studie, dass es auf dem Weg bis zu einer Verlegung Venedigs noch viele Optionen gibt, die alle nicht wahnsinnig billig sind und auch ihre Vor- und Nachteile haben. Aber es gibt viel, was man tun kann. Man muss nicht gleich alle Städte abreißen und auch Venedig nicht.“ Viel wichtiger sei es etwa, nachhaltige Stadtentwicklung zu betreiben, bei Küstenstädten vorausschauend Schleusen oder Entwässerungsanlagen zu bauen.
Das Beispiel der Lagunenstadt Venedig zeigt: Die Frage ist nicht, ob der Meeresspiegel steigt, sondern wie gut Städte und Küstenregionen darauf vorbereitet sind.

