Tic Tac Toe waren anders, anders als alles, was die deutsche Musiklandschaft bis dahin gesehen hatte. Helmut Kohl ist noch immer Kanzler, gefühlt seit einer Ewigkeit (tatsächlich: seit 13 Jahren), als 1995 drei Frauen die erste deutsche Girlband gründen. Jazzy, Lee und Ricky, alle aus dem Ruhrpott, alle mit Migrationsgeschichte.
Jung, schwarz und frech
Jung, schwarz und frech treten sie auf. „Ich find dich scheiße, so richtig scheiße“, rappen sie im Musiksender Viva, der damals gerade mal zwei Jahre alt ist. Im April 1996 erscheint dann ihr erstes Album, poppig und gesellschaftskritisch zugleich. Vom Kapitalismus halten sie nichts. Dafür viel von Kondomen. „Damit die Leute nicht vergessen, worum es geht“, sagt Jazzy damals in einem Interview. „Gummi und Aids ist eines der wichtigsten Themen, die wir haben auf der Welt.“
Und die Musikpresse? Nimmt die drei nicht so richtig ernst, bezeichnet sie etwa als „Girlie-Band mit Musik aus der Konserve“. Radiosender weigern sich wegen der direkten Sprache ihre Songs zu spielen. Und trotzdem: Das Album schlägt ein. Es verkauft sich über 250.000 Mal. Bei Jugendlichen, vor allem bei jungen Menschen of Colour, löst Tic Tac Toe etwas aus.
Benaissa: „Hat mir als junges Mädchen total imponiert“
„Diese drei Frauen zu sehen, die irgendwie braune Haut haben, braune Augen haben, und dann haben die so eine coole Musik gemacht, das hat mir natürlich als junges Mädchen total imponiert“, sagt etwa Nadja Benaissa, die einige Jahre nach Tic Tac Toe als Mitglied der No Angels selbst im Popbusiness durchstartet.
Doch bald hat der Erfolg seinen Preis. Vor allem die Boulevard-Presse fängt an, in der Vergangenheit der Band zu graben. Und sie wird fündig. Gerade aus Lees Privatleben geraten im Frühjahr 1997 immer mehr Details an die Öffentlichkeit – über ihre Vergangenheit im Rotlicht-Milieu, ihren Ehemann und seinen Suizid.
Bandgeschichte endet nach zwei Jahren im Eklat
Von da an verändert sich alles für die Band. Die geplante Tour kann nur noch unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen stattfinden, Morddrohungen stehen im Raum. Das zweite Album „Klappe die Zweite“ erscheint trotzdem. Es geht um Themen wie Kindesmissbrauch oder Drogenabhängigkeit. Wieder ein Erfolg. Das Album gewinnt Platin in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Aber auch wenn Jazzy, Lee und Ricky in dieser Zeit nach außen funktionieren – der Druck auf die Frauen wächst. Innerhalb der Band tun sich Risse auf. Plötzlich stehen Trennungsgerüchte im Raum. Die Plattenfirma beschließt am 21. November 1997 eine Pressekonferenz in München zu geben. Man will ein Zeichen der Einigkeit setzen. Doch genau das endet im Eklat.
Vorbild für Frauen im Pop
Die Band trennt sich. Zwei Comeback-Versuche in den darauffolgenden Jahren scheitern. Bis sich Ricky, Jazzy und Lee schließlich fast vollständig aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Und in der deutschen Musikgeschichte zu einer Randnotiz werden.
Zu Unrecht. Denn Tic Tac Toe bleiben Pionierinnen. So sieht es etwa die Rapperin Antifuchs, die meint, die Band habe „vielen Frauen, die danach kamen, die Tür geöffnet“. So kann man es sehen: Ohne Tic Tac Toe würde es viele Frauen im deutschen Rap vermutlich gar nicht geben.

