Jedes Jahr im Mai sorgen sie für Fragen: die Eisheiligen. Viele haben schon von der „kalten Sofie“ gehört oder kennen den Spruch „Pankraz, Servaz, Bonifaz machen erst dem Sommer Platz“. Was aber steckt hinter den Redensarten?
Eisheilige und kleine Eiszeit
Etwa ab Mitte des 13. Jahrhunderts kühlte Mitteleuropa merklich ab, auch als „kleine Eiszeit“ bezeichnet. Bis ins 19. Jahrhundert gab es häufig kalte, lang andauernde Winter. Die „Eisheiligen“ namens Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius und Sophia haben eigentlich nichts mit Kälte oder Frost zu tun. Aber die Gedenktage dieser Heiligen fallen im kirchlichen Kalender auf die Tage vom 11. bis 15. Mai.
Bauern im vorindustriellen Zeitalter beobachteten, so heißt es, an diesen Tagen späte Kälteeinbrüche – in klaren Nächten oft verbunden mit Bodenfrost. Hatten die Bauern zu früh gesät, konnten die Spätfröste die jungen Pflanzen schädigen und damit die Ernte gefährden. Das Erfahrungswissen, nicht vor der Kältephase im Mai zu pflanzen oder das Vieh auf die Weiden zu treiben, wurde über die Jahrhunderte weitergegeben.
Legenden rund um die Eisheiligen
Wann die Tradition beginnt, die kalten Tage Mitte Mai mit den Heiligen zu verknüpfen, ist unbekannt. Aber der Legende nach hat Mamertus (Gedenktag 11. Mai), im 5. Jahrhundert Bischof von Vienne, die Bittprozession vor Christi Himmelfahrt eingeführt, unter anderem, um Naturkatastrophen abzuwenden. Eine weitere Legende besagt, auf dem Grab von Servatius (Gedenktag 13. Mai), im 4. Jahrhundert Bischof von Tongeren, sei niemals Schnee liegengeblieben.
Meteorologie statt Mythos
Aus Sicht der Meteorologie sind Kälterückfälle im Mai möglich – die Eisheiligen sind aber kein Ereignis, das sich an Kalendertagen festmachen lässt. Sondern es ist eine typische Konstellation der Großwetterlage im späten Frühjahr. Sie lässt sich in vielen Teilen Europas beobachten, wo die Eisheiligen, manchmal sogar unter gleichem Namen, ebenfalls bekannt sind. In der Wetterkunde spricht man von einer Singularität, einem Witterungsregelfall.
Denn Anfang Mai können die Temperaturen in Mitteleuropa schon ziemlich hoch sein. Wenn dann kalte Polarluft nach Mitteleuropa strömt und der Himmel unter Hochdruckeinfluss klar ist, entweicht die Bodenwärme. Die Temperatur in Bodennähe sinkt dabei oft unter null Grad. Auch Lothar Bock vom Regionalen Klimabüro München des Deutschen Wetterdienstes bestätigt, dass es sogar bis Ende Mai zu Spätfrösten kommen kann, wie sich aus den Messdaten der vergangenen hundert Jahre feststellen lässt.
Regionale Unterschiede bei den Eisheiligen
Dass in Norddeutschland die Tage vom 11. bis 13. Mai als Eisheilige gelten und im Süden der 12. bis 15. Mai, liegt daran, dass die Polarluft im Norden früher ankommt. Und auch Regionen sind unterschiedlich betroffen. Nächtlicher Bodenfrost ist in Senken und Tallagen wahrscheinlicher als etwa in Städten.
Verschiebt der Klimawandel die Kälteeinbrüche?
Auf die Wetterlagen an sich habe der Klimawandel bisher noch keinen wesentlichen Einfluss, so der Wetterexperte Lothar Bock: „Also, meine Erkenntnis und auch die des Deutschen Wetterdienstes ist die, dass sich die Wetterlagen über die letzten sechzig bis siebzig Jahre nicht wesentlich verändert haben.“ Langzeitdaten zeigen: Durch die Erderwärmung treten strenge Frostereignisse im Mai seltener auf.
Was sich durch den Klimawandel verändert hat, ist, dass die Vegetation zwei bis drei Wochen früher in den Frühling startet. Beides verändert die Risikolage: Auch wenn der klassische Luftfrost im Mai weniger wahrscheinlich ist, blühen zum Beispiel Obstbäume früher und reagieren entsprechend empfindlicher auf Frost. Damit steigt das Schadpotenzial im Obst- und Weinbau, obwohl es insgesamt wärmer wird.
Bauernregeln heute
Spätfröste treten immer wieder auf, wenn auch nicht unbedingt an fixen Kalendertagen. Es lohnt sich also immer noch, empfindliche Pflanzen wie Auberginen, Paprika, Gurken, Tomaten oder Zucchini bis Mitte oder Ende Mai zu schützen. Auch andere Bauernregeln erweisen sich als erstaunlich stabil, etwa die Siebenschläferregel, die besagt, dass das Wetter Ende Juni, Anfang Juli den Trend für die kommenden sieben Wochen vorgibt.
Heute, in Zeiten von Messstationen, Wettervorhersagen und Wetter-Warn-Apps, werden wohl keine neuen Bauernregeln mehr aufgestellt. Aber weil es in den letzten dreißig Jahren Ende April und Anfang Mai gegenüber den Vorjahrzehnten milder geworden und die Frostwahrscheinlichkeit markant zurückgegangen ist, weist Lothar Bock vom DWD darauf hin, dass manche dies schon als neue Singularität bezeichnen: End-of-April-Warming.

