Bemerkenswert, wie viele prominente Persönlichkeiten sich in den vergangenen Jahrzehnten über die am 15. Dezember 1860 erstmals gesungene „Bayernhymne“ aufregten, und noch erstaunlicher, dass sie bis heute umstritten ist – und zwar nicht nur, weil sie ab dem kommenden Schuljahr bei festlichen Veranstaltungen vom Kultusministerium zum Pflichtprogramm gemacht wurde.
Der liberal denkende Münchner Lehrer Michael Öchsner (1816 – 1893) hatte seinem patriotischen Gedicht den Titel „Für Bayern“ gegeben, der damalige Dirigent des Münchner Opernchors, Konrad Max Kunz (1812 – 1875) hatte es für die Münchner Bürger-Sänger-Zunft vertont – und zwar höchst erfolgreich, wie die weitere Geschichte zeigte. Sowohl König Ludwig II., als auch Prinzregent Luitpold erwärmten sich für die vaterländische Ode.
SPD forderte europataugliche Aktualisierung
Doch an Öchsners Text wurde und wird viel herumgemäkelt. So forderte die bayerische SPD im November 2016 [externer Link], die Hymne zu aktualisieren und europatauglich zu machen. In einem Schülerwettbewerb waren 2012 zahlreiche Textvorschläge eingereicht worden, gewonnen hatten die Verse der Fachoberschule Bad Tölz:
„Gott mit uns und allen Völkern, ganz in Einheit tun wir kund:
In der Vielfalt liegt die Zukunft, in Europas Staatenbund.
Freie Menschen, freies Leben, gleiches Recht für Mann und Frau!
Gold’ne Sterne, blaue Fahne und der Himmel, weiß und blau.“
Allerdings konnten sich weder die CSU noch die damalige bayerische Staatsregierung unter Ministerpräsident Horst Seehofer für eine Änderung „im Vorbeigehen“ entschließen, obwohl sie den Text als „ansprechend“ bezeichneten.
Bayernpartei drängte 1948 auf Textänderung
Dabei gab es in der Vergangenheit sehr wohl Korrekturen an Öchsners Originaltext. 1948, als deutschnationaler Überschwang politisch nicht mehr opportun war, überarbeitete der Pfaffenhofener Schriftsteller Joseph Maria Lutz (1893 – 1972) auf Initiative der Bayernpartei das Lied. Bis dahin hatte es geheißen: „Gott mit dir, du Land der Bayern, deutsche Erde, Vaterland!“
Aus der „deutschen Erde“ wurde „Heimaterde“, was in den Ohren der damals führenden Landespolitiker wohl föderalistischer klang. Jedenfalls verfügte Ministerpräsident Alfons Goppel (1905 – 1991) in einer Bekanntmachung vom 29. Juli 1966, dass die modernisierte Textfassung zu singen sei.
Kurz zuvor hatte sich Bundespräsident Heinrich Lübke (1894 – 1972) bei einem Besuch der Queen in München am 21. Mai 1965 fürchterlich aufgeregt, dass aus diesem Anlass die Bayernhymne gespielt worden war. Das Bundesinnenministerium sah sich zu einem Gutachten genötigt, wonach es die Länder zu unterlassen hätten, mit solchen Gesten den Eindruck zu erwecken, Staatsbesuche seien ihre Angelegenheit. Von „separatistischen Machenschaften“ war die Rede und einem „Belastungstest“ der föderalen Ordnung.
Strauß wollte das Original
Als Ministerpräsident und CSU-Chef Franz-Josef Strauß (1915 – 1988) 1980 für die Unionsparteien die Kanzlerkandidatur übernahm, empfand er die „Heimaterde“ in der Bayernhymne offenbar als zu provinziell und verfügte im Bayerischen Staatsanzeiger, dass fortan wieder von „deutscher Erde“ gesungen werden sollte, wie im Originaltext von Öchsner. Bayerische Patrioten fürchteten seinerzeit, Strauß werde im nationalen Furor womöglich auch die bayerischen Landesfarben reformieren, wie der Spiegel ironisch berichtete [externer Link].
In einer Antwort auf eine schriftliche Anfrage der FDP (Drucksache 9/6206) hatte Strauß behauptet, „Gespräche und Zuschriften“ hätten ihn dazu bewegt, den Hymnentext zu ändern, allerdings habe er dazu „keine Volksbefragung“ durchführen lassen. Der bloße Hinweis, dass es sich bei Bayern um „deutsche Erde“ handle, könne nicht als „deutschnationale Tendenz“ interpretiert werden, so Strauß wortkarg.
Joseph Ratzinger hielt die Bayernhymne als Papst Benedikt XVI. übrigens für ein „Gebet“, was wohl ganz im Sinne von Textdichter Michael Öchsner gewesen wäre. Jedenfalls mogelte er nachträglich in einer vierten Strophe „marianische“ Verse in sein Gedicht, als Reichskanzler Otto von Bismarck im „Kulturkampf“ der 1870er Jahre heftig mit der katholischen Kirche aneinandergeriet: „Heil’ge Jungfrau benedeite Gottesmutter, Königin, / sei am Thron des Weltenvaters Mutter uns und Helferin!“
Diese Passage geriet schnell wieder in Vergessenheit, illustriert jedoch, dass sich Öchsner immer auch als glaubensstarker bayerischer Propagandist verstand.

