Es ist noch kein Genie vom Himmel gefallen – oder? Wenn man sich die Darstellungen der Großen und Bekannten im 19. Jahrhundert anschaut – Napoleon an der Spitze der Himmelsleiter, Schiller mit Heiligenschimmer oder Beethoven von Engeln umkreist – dann könnte man schon meinen, man hat es mit gottgleichen Geschöpfen zu tun.
Wer wird zum Star und was zeichnet ein Genie aus?
Karin Rhein, Kuratorin der Ausstellung „Genie, Idol, Star“ erklärt, dass man im 19. Jahrhundert von sogenannten „Ersatzheiligen“ sprach, welche die Genies und Stars darstellen. Statt hinter Heiligen versammelte man sich hinter anderen Wertebringern. Und es gab dabei große Überschneidungen zwischen Genie- und Starkult und religiösem Kult. So wurden sogar fast schon Reliquien von den Stars gesammelt.
Fanartikel von vor 200 Jahren
Von einer Backform mit dem Konterfei Friedrichs des Großen über Geschirr, das Martin Luther huldigt, bis hin zu einer Pfeife, die Franz Liszt zeigt, reichen diese bis zu 200 Jahre alten Fanartikel. Halsketten mit Luisenkreuz, in Erinnerung an Königin Luise von Preußen, könnten als Vorläufer der heutigen Swiftie-Armbänder durchgehen. Und Rockstar Marilyn Manson als musikalischer Wiedergänger des Teufelsgeigers Niccolo Paganini. Solche Assoziationen zwischen dem 19. Jahrhundert und der Gegenwart weckt die Nürnberger Schau – die auch den Blick in den Abgrund nicht scheut.
Die Kuratorin Karin Rhein findet, es gehöre ebenso zu den Dogmen der Geniereligion, dass auch das Abgründige immer eine Rolle spiele, und dass man dem Genie viel verzeihe. Napoleon sei dafür ein Beispiel. Dieser brachte auch viel Leid und Elend über einen Kontinent. Und auch Richard Wagner sei mit seinen antisemitischen Äußerungen kritisch zu betrachten – und trotzdem könne man Wagner-Fan sein, so die Kuratorin.
Was darf ein Star?
So stellt sich die Frage: Was darf ein Star? In der Ausstellung können die Besucher und Besucherinnen mitdenken und auf einer großen Wand gemeinsam abstimmen: Eine Rockband provoziert auf der Bühne mit Nacktheit – das finden die meisten noch ok. Doch wenn ein Star auf Social Media extremistische oder sexistische Aussagen tätigt – das ist für fast alle ein No-Go.
Heldinnen und weibliche Genies
Sexistisch sei der Geniebegriff selbst. Bis heute ist der Genius, nicht nur der Wortherkunft nach, vor allem männlich. Die Kuratorin erläutert, dass man bei Frauen lange nicht daran geglaubt hätte, dass sie die Fähigkeiten haben, ein Genie zu sein. Als Bühnenstars haben Frauen laut Karin Rhein jedoch durchaus eine große Chance, sehr öffentlichkeitswirksam zu werden.
Ausstellung regt zum Denken an
Die Schau in Nürnberg liefert viel Denkstoff und Anschauungsmaterial zum Thema. Die historische und theoretische Einordnung gerät teilweise ein bisschen kurz, auch die Begriffstrennung – Genie, Idol, Star – ist nicht eindeutig. Umso mehr überzeugt die Vielfalt und Präsentation der mehr als 200 Ausstellungsstücke – mit frühen Autogrammkarten, alten Zeitungsausschnitten und politischen Würfelspielen neben vielen Gemälden und Skulpturen.
Wer ein Genie ist und wer nicht, das entscheidet sich natürlich durch Können, Talent, außergewöhnliche Fähigkeiten, aber auch durch Zuschreibungen, Machtverhältnisse, Selbstvermarktung, Glück – und vielleicht auch zu einem Teil durch höhere Bestimmung.
Die Ausstellung ist bis zum 6. September 2026 im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg zu sehen.

