Ludwig Thomas Alois Hingerl aus „Der Münchner im Himmel“ haben viele durch den berühmten Vortrag des Schauspielers Adolf Gondrell im Ohr und – dank der Trickfilmadaption von 1962 – als rotbackigen Zeichentrickhelden mit Dienstmütze und weißem Engelshemd vor Augen.
David Dietls „Münchner im Himmel“ heißt Wiggerl Brunner. Ein Taxler und Lebenskünstler. Ein Charmeur und Schlawiner, der sich für ein Schäferstündchen auch schon Mal in eine Nobelhotel-Suite einschleicht, dort aber auf frischer Tat ertappt wird. Weshalb der Wiggerl flüchten muss, barfuß, in der kurzen Lederhose.
Ob Alois oder Wiggerl – beide sterben
Statt einer Dienstmannskappe auf dem Kopf trägt er eine Hotelportiers-Livree am Leib, die er sich beim überstürzten Abgang hastig übergezogen hat. Wenig später kommt er bei einem Autounfall ums Leben und kurz darauf in den Himmel, bei seiner Ankunft dort oben so hingebungsvoll „Halleluja“ fluchend wie es selbst Engel Aloisius nicht schöner hinbekommen hätte.
Bayerische Klassiker als Inspirationsquelle
Vorgelesen dauert Ludwig Thomas „Münchner im Himmel“ keine zehn Minuten. David Dietl dagegen hat mit „Ein Münchner im Himmel – der Tod ist erst der Anfang“ einen abendfüllenden Spielfilm gedreht. Da konnte die Kurzgeschichte naturgemäß nur Ausgangspunkt sein für eine Handlung, die sich dann weit von der Vorlage entfernt. Und für die sich Dietl und sein Drehbuchteam unübersehbar von weiteren bayerischen Klassikern haben anregen lassen.
Der barocke Himmel der Bayern etwa, in dem der Wiggerl landet, könnte jederzeit als Kulisse für eine neue „Brandner-Kaspar„-Verfilmung dienen. Und der Titelheld ist nicht wie Alois Hingerl als Grantler, sondern als ewiger Stenz gezeichnet. Als Münchner Casanova-Typus also nach dem Vorbild der populärsten Figur aus dem Serienuniversum von David Dietls Vater Helmut: nach dem Monaco Franze.
Statt amouröser Freigeist ein Familienmensch
Dieser, nennen wir ihn Monaco Wiggerl, wird gespielt von Max Brückner. Mit seinem sympathischen Bauernburschengesicht eher Typ Lausbub vom Land, der es faustdick hinter den Ohren hat. Was aber fehlt ist alles Melancholische, das „erotische Heimweh“ als Antrieb, das dem Monaco Franze die Tiefe gab und die Figur übers banale Schürzenjägertum hinaushob. Dieser Mangel liegt mehr noch als an Brückners Person am Plot. Der Film erzählt letztlich eben nicht von den Eskapaden eines amourösen Freigeists, sondern – im Gegenteil – von dessen Bekehrung zum Familienmenschen.
Teils enttäuschende Besetzung
Wiggerl hat eine Teenager-Tochter, um die er sich nie genug gekümmert hat. Für einen göttlichen Botengang darf er zurück auf die Erde und nutzt die Gelegenheit, alles wieder gut zu machen, was er zu Lebzeiten versäumt hat. Nebenbei renkt er auch noch das gestörte Verhältnis zu seinem Vater wieder ein, grotesk fehlbesetzt mit Heiner Lauterbach, sowie zu seiner Ex, trotzig-treuherzig gespielt von der allzeit herzigen Hannah Herzsprung. Das ist die hanebüchene Handlungsklammer, mit der der Film das Motiv-Sampling der Best-of-Bayern-Kultstoffe zusammenzuhalten versucht.
Keine kreative Neuinterpretation des Stoffs
Im Ergebnis ergibt das – trotz amüsanter Ansätze – leider nur: 0815-Feelgood-Kitsch, der weder der augenzwinkernden Ironie der Inspirationsquelle gerecht wird, noch dem Spirit von Übervater Helmut Dietl, dem dessen Sohn offenkundig nachzueifern versucht.
David Dietl zeigt ein in goldenes Spätsommerlicht getauchtes Münchner Postkarten-Idyll. Mit der schillernden Stadt zwischen Schwabinger Bohème und Glasscherbenviertel-Flair, der der „Monaco Franze“ ein Denkmal gesetzt hat, hat das leider so viel zu tun wie ein alkoholfreies Grapefruit-Radler mit einer anständigen Maß Bier im Münchner Hofbräuhaus.
„Ein Münchner im Himmel – Der Tod ist erst der Anfang“ ist ab dem 14. Mai 2026 im Kino.

