Josephine Berger vom Stadtarchiv Marktoberdorf macht sich bereit für einen besonderen Tag: „Wir haben einen Overall, Warnweste, Arbeitshandschuhe, Sicherheitsbrille, einen Mundschutz und ganz wichtig: Sicherheitsstiefel.“ Heute werden 14 Archivarinnen und Archivare aus dem Ostallgäu den Ernstfall proben. Denn die Gefahren für Dokumente, Bücher und Handschriften in Archiven sind vielfältig – und kommen meist ohne Vorankündigung.
Feuer, Hochwasser, Einstürze: Archive in Gefahr
2004 brennt es nach einem Kabeldefekt in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar, 2009 stürzt nach U-Bahn-Arbeiten das Stadtarchiv in Köln ein, 2021 führt die Ahrtal-Flut zu massiven Schäden in Archiven, Bibliotheken und Museen. Tausende Kulturgüter wurden durch Wasser und Schlamm schwer beschädigt. Auf solche Szenarien wollen sich die Ostallgäuer Archivare so gut es geht vorbereiten, um im Ernstfall möglichst viele Kulturgüter retten zu können.
Während Josephine Berger und die anderen Teilnehmenden aus der Gruppe in die ungewohnte Schutzkleidung schlüpfen, organisiert Norbert Schempp vor der Tür ein Überflutungsszenario. Schempp ist gelernter Restaurator und hat sich auf das Retten und Erhalten von Dokumenten, Urkunden und Büchern spezialisiert. Auf Ausnahmesituationen vorbereitet zu sein gehöre inzwischen zum Berufsbild, sagt Schrempp, „weil durch den Klimawandel die Welt eine wärmere und feuchtere Welt ist“.
Dokumenten-Rettung im Gefriertrockner
Nach einer theoretischen Unterweisung am Vormittag geht es für die Archivarinnen und Archivare aus neun Kommunen also nun ans Eingemachte, sie müssen anpacken. Drei Gruppen werden gebildet: Die erste muss Dokumente bergen und in Transportkisten legen. Die zweite ist für das Hin- und Hertragen der Kisten zuständig. Die dritte reinigt die Unterlagen notdürftig mit Wasser, dokumentiert sie und verpackt sie dann in Folie. Im Ernstfall würden die so vorbereiteten Dokumente dann in die Gefriertrocknung wandern, um sie zu retten.
Gegenseitige Unterstützung in Notfallverbund
Thomas Steck vom Stadtarchiv Kempten hat in Köln 2009 beim Einsturz des Stadtarchivs Erfahrungen sammeln können oder müssen. Er treibt aktuell einen Notfallverbund Allgäuer Archive maßgeblich mit voran. Vernetzung sei im Ernstfall entscheidend, sagt Steck, „wir haben viele kleine Archive, da sind nur ein, zwei, drei Leute, und wenn ich da jemanden rufen kann, der mir zu Hilfe kommt, hab ich gleich ein besseres Gefühl.“
Dieser Übungstag ist für ihn nur der Anfang, ein Glied in einer ganzen Kette von Maßnahmen. Es gilt, Notfallpläne auszuarbeiten, Dokumente zu priorisieren. Steck will auch die Feuerwehren einbeziehen, damit die Helfer wissen, wo sie zuerst anpacken müssen. Der ganze Aufwand lohnt, sagt Trainer Norbert Schempp. „Wir haben im Ahrtal viele Dinge getrocknet und gereinigt, auch für Privatleute, die überglücklich waren, dass ihre Familienbibel eben nicht unwiederbringlich verloren war!“

