„Mir sind in den letzten Jahren ein paar Dinge aufgefallen, wo ich sage, die gefallen mir nicht“, so der Bundesvorsitzende der Freien Wähler und bayerische Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger kürzlich bei „Hart aber fair“ im Ersten [externer Link] zu seinen Eindrücken vom ESC: „Man macht da viel kaputt. Ein Beispiel war Conchita Wurst [Kunstname des österreichischen ESC-Teilnehmers von 2014, Tom Neuwirth] und Ähnliches. Ich glaube, dass da das Musikalische verloren geht und immer mehr der Klamauk in den Vordergrund gerückt wurde und dadurch der Normalbürger nicht mehr so viel damit anfangen kann.“ Zur „Völkerverständigung“ trage der ESC nicht mehr bei: „Wenn der ESC die Demokratie retten müsste, wäre es traurig.“
Ungarn kritisierte „kreischende Transvestiten und bärtige Frauen“
Dafür, dass ESC-Songs nach den offiziellen Richtlinien der European Broadcasting Union (EBU) [externer Link] weder politische, noch ideologische Botschaften enthalten dürfen, ist der Wettbewerb verblüffend umstritten. „Beleidigende, diskriminierende oder anderweitig unangemessene Inhalte“ sind ebenso wie „pornographische“ untersagt: „Generell sind Inhalte oder Verhaltensweisen, die die Integrität, den Ruf oder den unpolitischen Charakter des Wettbewerbs beeinträchtigen könnten, nicht gestattet.“
Umso erstaunlicher, wie viele Politiker sich über den Wettbewerb aufregen. Ungarn zum Beispiel nimmt seit 2020 nicht mehr am ESC teil, wobei sich Ex-Ministerpräsident Victor Orbán nicht zu den konkreten Gründen äußerte. Allerdings kämpfte er für „Familienwerte“ und ließ Gay-Pride-Paraden verbieten. Regierungsnahe Kommentatoren schimpften derweil über „kreischende Transvestiten und bärtige Frauen“ beim ESC und hielten die Veranstaltung für eine Gefahr für die psychische Gesundheit. Nach dem Regierungswechsel wird über eine Rückkehr Ungarns spekuliert, womöglich schon 2027.
Russland setzte auf Konkurrenz-Show
In Russland wurde mit dem einstigen Ostblock-Wettbewerb „Intervision“ im vergangenen Jahr eine Konkurrenzveranstaltung zum ESC neu belebt, auf der ebenfalls „traditionelle Werte“ hochgehalten werden sollen. Bei der ersten Ausgabe 2025 gewann der vietnamesische Teilnehmer Duc Phuc, der sich prompt herber Kritik wegen seines „übermäßig glamourösen“ Lebensstils ausgesetzt sah und verdächtigt wurde, eine „nicht-traditionelle“ sexuelle Orientierung zu haben.
Außenminister Sergej Lawrow sprach beim „Intervision“ im Unterschied zum ESC [externer Link] von „alternativen Ansätzen zur Bewahrung von Traditionen und nationaler Kultur sowie religiöser, spiritueller und moralischer Werte, die wir über Jahrhunderte und Jahrzehnte von unseren Vorfahren geerbt haben“.
Noam Bettan gehört zum Favoritenkreis
Die Teilnahme Israels am ESC wird dagegen eher im linken politischen Lager kritisiert. Spanien, Irland, die Niederlande, Slowenien und Island nehmen in diesem Jahr nicht teil, weil die dortigen TV-Verantwortlichen der Meinung sind, dass „kriegführende“ Länder vom Wettbewerb ausgeschlossen bleiben sollten. Unter dem Titel „No Music for Genocide“ hatten rund 2.000 Kreative, darunter Björk, Brian Eno und Paul Weller, einen Boykott Israels beim ESC gefordert [externer Link].
In der EBU hatte es im Vorfeld heftige Meinungsverschiedenheiten über das Thema gegeben, so hatten sich auch der belgische und skandinavische TV-Sender skeptisch gezeigt, was Israels Teilnahme betrifft. Sänger Noam Bettan („Michelle“) wird bei den Wettbüros gleichwohl zum Favoritenkreis gerechnet. Der Text seines Songs ist deutlich unpolitischer als die israelischen Beiträge der beiden vergangenen Jahre.
Politische Songs gab es durchaus
Ungeachtet der aktuell geltenden EBU-Regeln gab es beim ESC früher durchaus hochpolitische Auftritte, so etwa das Lied „1944“ der ukrainischen Sängerin Jamala beim Finale 2016 in Stockholm. Darin geht es um die Deportation von Krim-Tataren durch Stalin. Auch die armenische Band Genealogy bleibt mit dem brisanten Song „Face the Shadow“ von 2015 in Erinnerung. Er thematisierte das beharrliche Verschweigen des Völkermords an den Armeniern durch türkische Truppen während des Ersten Weltkriegs.
Ansichtssache, ob deutsche ESC-Songs in den letzten 70 Jahren auch mal politische Botschaften transportierten, etwa Nicoles Sieger-Lied „Ein bisschen Frieden“ von 1982, als in Europa die Nachrüstungs-Debatte tobte. Da war der Auftritt mit „Im Wartesaal zum großen Glück“ von Walter Andreas Schwarz beim allerersten ESC 1956 zweifellos ungleich heikler. Er sang von „Wänden aus Träumen“ gegen eine Wirklichkeit, die man in Deutschland „nicht sehr schätze“, eine deutliche Anspielung auf die Verdrängung der NS-Zeit in der Ära der Heimatfilme.

