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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Wirtschaft > „Alles wird teurer“ – leisten wir uns heutzutage zu viel?
Wirtschaft

„Alles wird teurer“ – leisten wir uns heutzutage zu viel?

Christin Freitag
Zuletzt aktualisert 8. Juni 2026 11:48
Von Christin Freitag
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6 min. Lesezeit
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Inhaltsübersicht
Leisten wir uns heute zu viel?70er-Jahre vs. heute: Fundamentaler WechselNach enormem Anstieg der Kaufkraft: Leichter RückgangPreise gestiegen, verfügbares Einkommen aber auchZwischen drei und sechs Minuten Arbeit für einen Liter KraftstoffMenschen wollen oft „lieber heute gut leben“In welchen Bereichen geben die Menschen heute mehr Geld aus?

„Alles wird teurer“ – diese Feststellung hört man immer wieder: egal ob im Netz oder auf der Straße. Menschen klagen über teure Lebensmittel und gestiegene Energiepreise.

Leisten wir uns heute zu viel?

Auch in der Kommentarspalte bei BR24 verweisen User wie „Williwillsnichtwissen“ auf die hohen Ausgaben. Andere Nutzer schreiben, dass die Ansprüche der Menschen heute deutlich höher seien als damals. So kommentierte etwa „Gradraus“: „Alles Lamentieren über Krisen und angeblich hohe Preise nutzt nichts (…).“ Es brauche mehr Kinder – und dazu würde auch gehören, „statt dreimal nur noch einmal im Jahr in den teuren Urlaub zu reisen“.

„Nessie12“ schrieb: „Die Gesellschaft hat sich grundlegend verändert. Wenn ich an meine Generation denke (1968 und vier Geschwister), da gab es nicht diesen Wohlstand und Anspruchsdenken und aus jedem ist was geworden!“

70er-Jahre vs. heute: Fundamentaler Wechsel

Vergleiche man die Ausgaben von vor rund 50 Jahren mit denen von heute, habe ein fundamentaler Wechsel stattgefunden, sagt Manfred Tautscher, Geschäftsführer des Sinus-Instituts, einem Institut für Markt- und Sozialforschung. Damals sei Konsum primär Bedarfsdeckung gewesen. „Jetzt ist es eigentlich eine Form der Identitätsstiftung. So wie ich konsumiere, so bin ich, so stelle ich mich dar.“

Hinzu komme: „Früher hat man um die 40 Prozent seines Einkommens für Lebensmittel ausgegeben, jetzt etwa 14 Prozent.“ Da bleibe mehr Geld für Freizeitaktivitäten oder Urlaub.

Nach enormem Anstieg der Kaufkraft: Leichter Rückgang

Dass Menschen dennoch darüber klagen, dass sie sich weniger leisten können, könnte daran liegen: „Wir haben einen enormen Anstieg der Kaufkraft bis in die sehr frühen 2000er-Jahre. Was die deutsche Gesellschaft sich leisten konnte, ist eigentlich konsequent linear gestiegen.“ In den vergangenen 15 Jahren habe die reale Kaufkraft dann jedoch wieder etwas abgenommen, so Tautscher. Zudem seien die Kosten für Wohnen deutlich höher.

Preise gestiegen, verfügbares Einkommen aber auch

„Seit 2019 sind die Lebensmittelpreise um 25 Prozent gestiegen“, die Energiepreise teils noch mehr, sagt Wirtschaftswissenschaftler Joachim Ragnitz vom ‚ifo Institut – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e.V.‘. „Die Menschen vergleichen die Preise heute mit denen vor fünf Jahren.“ Menschen sehen, dass alles teurer geworden sei. „Man ignoriert dann, dass auch die Einkommen in dem Zeitraum gestiegen sind.“

Während die realen Einkommen auf den Lohn- und Gehaltszetteln nur um drei Prozent gestiegen seien, würden die verfügbaren Einkommen – also das jeweilige Nettoeinkommen eines Haushalts, das nach Abzug von Steuern usw. verbleibt und für Konsum, Lebensunterhalt oder zum Sparen genutzt werden kann – rund 26 Prozent höher liegen als 2019, so Ragnitz.

Zwischen drei und sechs Minuten Arbeit für einen Liter Kraftstoff

Eine Berechnung des ifo Instituts mit Blick auf die Entwicklung der Spritpreise für den April 2026, also vor Einführung des Tankrabatts, zeigt auch, dass die gestiegenen Spritpreise die Arbeitnehmer in Deutschland nach Ansicht der Experten nicht mehr als in den vergangenen Jahren belasten würden.

Demnach würden die gestiegenen Löhne den Anstieg abdämpfen: So musste man in den vergangenen 35 Jahren zwischen drei und sechs Minuten für einen Liter Kraftstoff arbeiten. Das sei immer noch so. „Selbst bei Spritpreisen von 240 Cent pro Liter Super oder 250 Cent pro Liter Diesel liegt die benötigte Arbeitszeit meist unter den Werten der Jahre 2006 bis 2013“, sagt Joachim Ragnitz.

Menschen wollen oft „lieber heute gut leben“

„Wir sind objektiv gesehen reicher, gemessen an den realen verfügbaren Einkommen, die wir zur Verfügung haben, pro Einwohner pro Haushalt“, so Ragnitz. Die Ansprüche hätten sich jedoch verschoben, da sich Menschen heute mehr teure Freizeitaktivitäten leisten als damals. Das sei ganz normal: „Wenn das Einkommensniveau steigt, verschieben sich die Bedürfnisse und Konsummöglichkeiten.“

Früher habe man ein Haus gebaut und es als Altersvorsorge betrachtet. Heute würden mehr Menschen Wert darauf legen, nicht (nur) im Alter gut zu leben, sondern in der Gegenwart. „Man möchte vielleicht mehrfach im Jahr Urlaub machen oder regelmäßig essen gehen.“

In welchen Bereichen geben die Menschen heute mehr Geld aus?

Das Bayerische Landesamt für Statistik (LfStat) mit Sitz in Fürth erhebt alle fünf Jahre im Rahmen der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (externer Link) die Einnahmen und Ausgaben privater Haushalte in Deutschland. Die aktuellsten Ergebnisse stammen aus dem Jahr 2023. Vergleicht man die Daten mit denen von 1998, zeigt sich:

„Deutlich gestiegen sind die Ausgaben für Information und Kommunikation, darunter fassen wir das ganze Thema Handy, Computer, Internet: von 2,3 auf 4,5 Prozent, das entspricht einer Verdoppelung“, erklärt Christian Globisch, Leiter des Sachgebiets für Haushaltsbefragungen, Mikrozensus und Erwerbstätigkeit beim LfStat. Leicht angestiegen sei auch der Themenblock Gastronomie. Gesunken sei insbesondere der Block „Kleidung und Schuhe“ – von 5,7 auf 3,6 Prozent. „Das ist ein Rückgang von fast 40 Prozent“, so Globisch.

 

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Christin Freitag ist eine erfahrene Wirtschaftsjournalistin und Analystin, die sich auf Finanzmärkte, Unternehmensstrategien und Wirtschaftspolitik spezialisiert hat. Mit über 10 Jahren Erfahrung liefert sie fundierte Analysen und tiefgehende Einblicke für die Leser der WirtschaftsRundschau.
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