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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Wissen > Leben auf Ötzis Körper: Hefe übersteht Jahrtausende im Eis
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Leben auf Ötzis Körper: Hefe übersteht Jahrtausende im Eis

Michael Farber
Zuletzt aktualisert 9. Juni 2026 09:47
Von Michael Farber
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5 min. Lesezeit
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Minus 6 Grad Celsius, konstante Luftfeuchtigkeit und immer wieder mit Wasser besprüht: So wird die Ötzi genannte Eismumie im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen aufbewahrt. Durch ein kleines Fenster ist sie für Museumsbesucher sichtbar. Was man mit bloßem Auge nicht sieht: Auf der Mumie gibt es Leben! Wissenschaftler vom Bozener Forschungsinstitut Eurac Research haben Proben von deren Oberfläche und dem Inneren der Leiche mittels DNA-Analysen untersucht. Dabei haben sie Hefepilze gefunden, die heute noch lebensfähig sind.

Inhaltsübersicht
Hefen besiedeln Ötzi seit Tausenden von JahrenMikroorganismen können Schäden an der Mumie anrichtenSauerteig für die WissenschaftBiodiversität im Verdauungstrakt

Hefen besiedeln Ötzi seit Tausenden von Jahren

Die Hefe konnte sogar angezüchtet werden, sie ist also am Leben. DNA-Spuren deuten darauf hin, dass sie schon seit Jahrtausenden die Leiche besiedelt, wahrscheinlich sogar seit kurz nach Ötzis Tod vor 5.300 Jahren. „Wir sehen, dass die DNA Schadmuster in sich trägt“, sagt Frank Maixner, Leiter des Instituts für Mumienforschung bei Eurac. Über die Jahrhunderte entstehen solche Schäden in der DNA. Sie geben Hinweise darauf, wie lange die Mikroorganismen den toten Körper schon besiedeln.

Dass Wissenschaftler Mikroorganismen in Ötzis Körper suchen und finden, ist nicht neu. Schon früher habe es einzelne Analysen gegeben, berichtet Maixner. Neu sei der umfassende Blick: Nicht nur ein spezieller Mikroorganismus wird untersucht, sondern es wird eine umfassende Analyse mit mehreren Untersuchungsmethoden durchgeführt. Diese bietet einen seltenen Einblick in das, was auf einer Eismumie passiert: Der tote Körper ist ein Lebensraum. Selbst bei minus 6 Grad Celsius sind Bakterien oder Pilze noch aktiv oder zumindest in einem Ruhemodus.

Mikroorganismen können Schäden an der Mumie anrichten

Die Erkenntnisse sind wichtig für die Konservierung der Mumie, denn Hefen zersetzen organisches Material und können so den gefrorenen Körper angreifen. Die Mikrobiologin Lisa Bäumer leitet die private Forschungseinrichtung Molecularis in Erlangen und hat Ötzi bisher nur als Besucherin im Museum gesehen: „Ich habe mich damals schon gewundert und gesagt, dass das nicht besonders kalt ist und ich mich nicht wundern würde, wenn da die Mikroben noch am Arbeiten sind“, sagt Bäumer.

Eine kältere Lagerung bringe aber andere Herausforderungen mit sich: „Wenn man etwas einfriert, ist es nicht ewig haltbar, auch bei minus 20 Grad“, sagt sie. Die Besiedelung des Körpers kann auch weitere Untersuchungen stören, erklärt Mumienspezialist Maixner: „Wenn ich eine Probe habe und fast 99 Prozent der DNA kommt von den Hefen, muss das nicht bedeuten, dass die menschliche DNA von Ötzi nicht mehr da ist. Aber sie wird überdeckt.“

Sauerteig für die Wissenschaft

In einem Experiment verwendeten die Eurac-Forscher die Ötzi-Hefe zur Herstellung von Sauerteig. Dass das funktioniert, ist nicht selbstverständlich: An Mehl als Nährstoffquelle war sie nicht angepasst, außerdem ist ist dieser Hefestamm aus dem Eis kälteliebend. Der Teigansatz muss also im Kühlschrank reifen. Erst nach mehreren Überführungen, also quasi einem „Umtopfen“ der Hefe, hatten Maixners Kollegen Erfolg. „Es war interessant zu sehen, dass sie das in mehreren Passagen doch geschafft hat“, sagt Maixner. „Das hätte ich selbst nicht erwartet.“ Der Versuch habe einen ernsthaften Hintergrund: In der Industrie gebe es Interesse an Niedrigtemperaturfermentation mit Hefen, die an Kälte angepasst sind.

Biodiversität im Verdauungstrakt

Die Bozener Forscher haben es nicht dabei belassen, fremde Hefen auf Ötzis Körper zu untersuchen. Auch sein Verdauungstrakt wurde einmal mehr erkundet. Hatten sie in der Vergangenheit schon seine Ernährungsgewohnheiten untersucht, so waren es diesmal Überreste zahlreicher Mikroorganismen, die schon zu Ötzis Lebzeiten sein Magen-Darm-System besiedelten. In DNA-Fragmenten konnten sie Bakterien wie das heute bekannte E. coli nachweisen. Andere gefundene Organismen waren interessanter, denn diese sind in unseren westlichen Industriegesellschaften nicht mehr vorhanden. Ötzis Mikrobiom war reicher als bei Menschen von heute, das können Maixner und sein Team bereits sagen. Ob allerdings mehr Biodiversität im Darm besser ist, ist eine andere Frage.

Sollte das der Fall sein, könnten diese Erkenntnisse ebenfalls einen praktischen Nutzen haben, zum Beispiel in der Gesundheitsversorgung. „Man müsste viele Studien machen und die Keime ausgiebig untersuchen, wie sie in unserem heutigen Darm wirken“, sagt Lisa Bäumer. „Ich kann mir vorstellen, dass dabei interessante Sachen herauskommen könnten und dass man das vielleicht auch in der Nahrungsmittelergänzung wiederfindet“. Ötzi beschäftigt die Wissenschaft jedenfalls weiterhin. Aus menschlicher Neugier und möglicherweise zum Nutzen von uns allen.

 

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Von Michael Farber
Michael Farber ist ein erfahrener Journalist, der das Ressort Wissen der WirtschaftsRundschau leitet. Mit seiner Expertise in Wissenschaft und Technologie berichtet er über die neuesten Entwicklungen und Entdeckungen und bietet den Lesern spannende Einblicke in komplexe Themen.
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