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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Wissen > Schule ohne Sitzenbleiben: Wäre das besser?
Wissen

Schule ohne Sitzenbleiben: Wäre das besser?

Michael Farber
Zuletzt aktualisert 9. Juni 2026 10:47
Von Michael Farber
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4 min. Lesezeit
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Die Pfingstferien in Bayern sind vorbei – jetzt geht für viele Eltern das Zittern los: Erreicht das Kind die nächste Klasse oder muss es die Jahrgangsstufe wiederholen? Das ganze Jahr nochmal von vorne, eine neue Klasse, weg von den bisherigen Mitschülern? Laut Lehrer- und Elternverbänden können Schulkinder dadurch Druck und Stress verspüren. Sie fordern deshalb, Wiederholungen abzuschaffen. Wäre eine Schule ohne Sitzenbleiben wirklich besser?

Inhaltsübersicht
Hohe Wiederholungsquote in DeutschlandKultusministerium sieht Sitzenbleiben als ChancePsychische Probleme durch Wiederholungen?Studien sehen keinen NutzenIndividuelle Förderung als Alternative?

Hohe Wiederholungsquote in Deutschland

In Deutschland wiederholen überdurchschnittlich viele Schüler eine Klasse: Laut Daten der internationalen PISA-Studie 2022 (externer Link) sind 19 Prozent der 15-Jährigen mindestens einmal in ihrer Schullaufbahn sitzengeblieben. Der Durchschnitt der OECD-Mitgliedsstaaten liegt bei etwa neun Prozent.

Bayern zählt dabei zu den Bundesländern mit den höchsten Wiederholungsquoten: Im Schuljahr 2024/25 (externer Link) wiederholten 3,4 Prozent der Kinder an allgemeinbildenden Schulen eine Klasse. Der Freistaat lag damit deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 2,2 Prozent. Im aktuellen Schuljahr wiederholen nach Angaben des Kultusministeriums 28.490 Schüler in Bayern eine Jahrgangsstufe.

Kultusministerium sieht Sitzenbleiben als Chance

Für das Kultusministerium ist die Wiederholung einer Jahrgangsstufe das letzte Mittel. Wenn andere Fördermaßnahmen nicht ausreichen, könne Sitzenbleiben aber sinnvoll sein, so eine Pressesprecherin. Zum Beispiel, wenn große Lernlücken bestehen oder ein Kind sich langsamer entwickelt.

Laut Kultusministerium könnten betroffenen Schulkinder durch Wiederholungen langfristig Erfolgserlebnisse erzielen, schulische Leistungserfolge würden wahrscheinlicher. Doch nicht alle sehen Sitzenbleiben so positiv.

Psychische Probleme durch Wiederholungen?

Simone Fleischmann vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) warnt beispielsweise vor negativen Auswirkungen auf die Psyche. Sie sagt: „Jeder, der wiederholt, merkt, dass er einen Makel hat.“ Außerdem könnte hinzukommen, dass die Betroffenen von anderen Kindern beispielsweise als „dumm“ bezeichnet werden.

Daran knüpft auch Svetlana Berger vom Bayerischen Elternverband an. Sie findet, Sitzenbleiben sollte keine pädagogische Maßnahme sein. Das aktuelle Schulsystem fuße auf „Angst und Stress“: Fehler würden hervorgehoben, Lernerfolge und -entwicklungen nicht. Insgesamt sieht sie Wiederholungen daher kritisch.

Ähnlich wie Christine Lindner vom „Eine Schule für alle in Bayern e.V.“ Sie kritisiert, dass Kinder durch das Sitzenbleiben möglicherweise ihren Freundeskreis verlieren. Zudem müssten die Schülerinnen und Schüler denselben Stoff „oft noch einmal im gleichen Tempo und nach denselben Methoden durchlaufen“. Selbst wenn die Lernmethoden davor schon nicht funktioniert haben.

Studien sehen keinen Nutzen

Florian Klapproth ist Professor für Pädagogische Psychologie an der Medical School Berlin. Er bestätigt, dass Klassenwiederholungen sich im Einzelfall negativ auf die Psyche auswirken können. Im Durchschnitt zeige sich jedoch kein Unterschied zwischen Kindern, die sitzenbleiben, und solchen, die versetzt werden.

Manche Kinder würden vom Sitzenbleiben profitieren. Andere erlebten dadurch hingegen negative Konsequenzen. Unter dem Strich zeigt die Studienlage jedoch keine Effekte. Die Wiederholung ist für Klapproth daher „eine Maßnahme, die im Durchschnitt gar nichts bringt und dafür aber wahnsinnig aufwendig ist“. Wenn Schulkinder sitzen bleiben, müssen sie ein Jahr lang alle Fächer wiederholen. Auch die, in denen sie gut sind. Für Klapproth ist das ineffizient und teuer.

Individuelle Förderung als Alternative?

Nach Angaben der Grünen im bayerischen Landtag kosten Klassenwiederholungen dem Freistaat mehr als 240 Millionen Euro pro Jahr. Sie verlangen „fördern statt wiederholen“. Anstatt pauschal sitzen zu bleiben, sollen Schulkinder individuelle Fördermaßnahmen erhalten, zum Beispiel durch Nachhilfe oder Kleingruppenunterricht. Das hält auch Klapproth für sinnvoll. Doch er sagt: Dafür braucht es mehr Lehrkräfte und politischen Willen.

Im vergangenen Jahr haben die Grünen einen Antrag im Landtag gegen das Sitzenbleiben an Schulen eingebracht. Dieser wurde jedoch mit den Stimmen von CSU, Freien Wählern und AfD abgelehnt. Das Kultusministerium möchte auch weiterhin an den Klassenwiederholungen festhalten: Eine Absage an die Opposition, Eltern- und Lehrerverbände.

 

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Von Michael Farber
Michael Farber ist ein erfahrener Journalist, der das Ressort Wissen der WirtschaftsRundschau leitet. Mit seiner Expertise in Wissenschaft und Technologie berichtet er über die neuesten Entwicklungen und Entdeckungen und bietet den Lesern spannende Einblicke in komplexe Themen.
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