Es ist ein inzwischen etwas abgestandener Witz bei Einheimischen in Burghausen: „Woran erkennt man Touristen? Ganz einfach: Das sind die Leute, die nach dem Parkscheinautomaten suchen.“ Um diesen Kalauer zu verstehen, muss man wissen: In der Innenstadt von Burghausen gibt es Dinge, die andernorts längst verschwunden sind. Zum Beispiel kostenlose Parkplätze – mitten am schmucken Stadtplatz. Burghausen gehörte lange zu den Kommunen, in denen florierende Industrieunternehmen die Stadtkasse mit üppigen Gewerbesteuern füllten. In diesem Fall war es vor allem Wacker Chemie.
Wacker Chemie: Gewinneinbruch und Stellenabbau
Doch die goldenen Zeiten sind vorbei. Hohe Energiekosten, zähe Genehmigungsverfahren, eine Nachfrageflaute vor allem aus der Autoindustrie und immer härtere Konkurrenz aus China machen dem größten Chemiekonzern des Freistaats und den vielen kleineren Branchenunternehmen im sogenannten bayerischen Chemiedreieck zu schaffen.
Die Folge: Allein Wacker baut in den kommenden Jahren rund 1.300 seiner 8.500 Jobs in Burghausen ab. Die Gewerbesteuereinnahmen der Stadt haben sich in etwa halbiert. Hoffnung setzt man in der Region nun auf Innovationen und neue Firmen.
Graue Brocken für KI-Superhirne
In einer Halle am Rand des riesigen Burghauser Fabrikgeländes produziert Wacker eine solche innovative Weiterentwicklung. Dort stellt der Konzern seit dem vergangenen Sommer hochreines Polysilizium her. Es sind unscheinbare silbergraue Brocken, die von Robotern auf Förderbänder geschüttet und dann in dicke Folie verpackt werden. Doch für die High-Tech-Welt sind diese Brocken wertvoller als Gold. Denn Polysilizium ist ein zentraler Rohstoff für Halbleiter, wie sie zum Beispiel für die Hochleistungs-Prozessoren in KI-Rechenzentren benötigt werden. Hier liefere man eine so hohe, konkurrenzlose Qualität, dass sich die Herstellung in Deutschland lohne, sagt Werksleiter Peter von Zumbusch. Man stehe damit quasi im Zentrum der sogenannten KI-Revolution.
Bahnanbindung wie zu Zeiten der bayerischen Könige
Und im Chemiepark im benachbarten Gendorf versucht man, Start-ups in die Region zu locken. So hat sich bereits eine junge Firma angesiedelt, die sich auf das Recycling von Autobatterien spezialisiert. Doch das alles werde nicht reichen, wenn es keine Unterstützung aus der Politik gebe, etwa über einen deutlich reduzierten Industriestrompreis, so Wacker-Werksleiter von Zumbusch. Die hohen Strompreise sind aber nicht das einzige Thema, das die regionalen Chemiemanager umtreibt. Sie beklagen auch eine schlechte Verkehrsanbindung.
Beispiel Bahn: So ist die Trasse in Richtung München bis heute nur zum Teil elektrifiziert. Darüber hinaus ist die Strecke über viele Kilometer eingleisig. Zustände, an denen sich seit Zeiten des Königreichs Bayern wenig geändert hat. Und das, obwohl die Staatsregierung immer wieder betont, dass der Freistaat ein Hightech-Standort sei. „Ein Unding“, sagt Christoph von Reden. Er ist Vorsitzender von InfraServ und damit Betreiber des riesigen Chemieparks Gendorf, wo rund 3.600 Menschen beschäftigt sind.
Schlechte Infrastruktur schreckt Fachkräfte ab
Schon seit Jahrzehnten kämpfen die regionalen Unternehmen deshalb für eine bessere Anbindung. Zwischenzeitlich sah es sogar nach einer Lösung aus. Unter dem Schlagwort ABS 38 [externer Link] habe die Bahn inzwischen sogar Baurecht und könnte die Strecke modernisieren, sagt von Reden.
Doch plötzlich heiße es im Bundesverkehrsministerium, dafür sei aktuell kein Geld da. Der Manager klingt fast schon verzweifelt, wenn er über die jahrelangen Bemühungen spricht, die Planfeststellungsverfahren, die bürokratischen Marathonläufe, die nun möglicherweise vergebens waren. Und er fragt sich, wie er neue Unternehmen und junge Mitarbeiter anlocken soll, wenn eine Zugfahrt ins knapp 90 Kilometer entfernte München um die drei Stunden dauert, mehrere Umstiege inklusive. So bremse eine untätige Politik und eine zähe Bürokratie die Bemühungen aus, das Chemiedreieck zu verjüngen, kritisiert der Manager.

