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WirtschaftsRundschau > Nachrichten > Wirtschaft > Das Einfamilienhaus: Lebenstraum unter Beschuss
Wirtschaft

Das Einfamilienhaus: Lebenstraum unter Beschuss

Christin Freitag
Zuletzt aktualisert 24. Juli 2026 10:47
Von Christin Freitag
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5 min. Lesezeit
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Oberschleißheim ist offiziell ein Dorf. Es gibt weit über 50 Vereine, im Zentrum steht ein Maibaum. Aber auch Hochhäuser. Sogar ein nagelneues. Bürgermeister Markus Böck (CSU) macht die Rechnung auf: Oberschleißheim liegt vor den Toren Münchens, es gibt großen Zuzugs-Druck. Auch viele Oberschleißheimer suchen eine Wohnung. Und: Jeden Quadratmeter Grund gibt es nur ein Mal. Es sei denn, man baut in die Höhe.

Inhaltsübersicht
Einfamilienhaus-Siedlung bedeutet hohen FlächenverbrauchExperte: Speckgürtel von München besonders zersiedelt„Speckgürtel“-Gemeinden im Zwiespalt zwischen Stadt und LandBürgermeister Böck: „Ein schmaler Grat“

Einfamilienhaus-Siedlung bedeutet hohen Flächenverbrauch

Es lohnt sich für einen Investor im Speckgürtel von München, viele Wohnungen auf wenig Grund zu bauen. Abgesehen davon ist es in der Regel auch umweltfreundlicher. Denn jedes neu gebaute Haus versiegelt Fläche, verdrängt Grundwasser, nimmt der Natur Raum. Sich in die Fläche weit ausbreitende Siedlungen mit vielen kleinen Häusern bedeuten außerdem in der Regel pro Kopf eine aufwendigere Erschließung, längere Straßen, und auch eine größere Abhängigkeit der Bewohner vom Auto.

Experte: Speckgürtel von München besonders zersiedelt

Die ersten Hochhäuser wurden in Oberschleißheim in den 1960er-Jahren gebaut. Doch dann soll es Widerstand im Ort gegeben haben. In den folgenden Jahrzehnten wurden jedenfalls Baugebiete für niedrigere Häuser ausgewiesen, wie in vielen Gemeinden rund um München.

Alain Thierstein, früherer Professor an der TU München, hat ein akademisches Leben lang zu Vororten rund um München geforscht. Man könne die schier endlosen Reihenhaus- und Einfamilienhaussiedlungen als eine zweite Stadt begreifen, sagt er, nur ohne Zentrum. Dabei hatte sich auf der Umweltkonferenz von Rio 1992 die Weltgemeinschaft geeinigt, den Flächenhunger zu stoppen, als Schlüssel für mehr Natur-, Wasser- und Artenschutz, und auch zur Eindämmung der Luftverschmutzung. Deutschland setzte sich in der Folge das Ziel, ab dem Jahr 2020 nur noch 30 Hektar Fläche pro Tag zu verbrauchen. Das entspricht etwa 41 Fußballfeldern.

Flächenverbrauch bedeutet dabei nicht unbedingt eine vollständige Versiegelung des Bodens, sondern meint die Umwandlung von Natur- oder Ackerflächen in Siedlungs- und Verkehrsflächen, inklusive Grünflächen. Das 30-Hektar-Ziel wird allerdings bis heute weit verfehlt. Heute werden immer noch etwa 50 Hektar pro Tag verbraucht, allein in Bayern rund zehn Hektar täglich. Das neue Ziel ist, bis 2050 das Null-Hektar-Ziel zu schaffen. Allerdings fehle in Deutschland eine Instanz, die die Einhaltung des Ziels kontrolliert, sagt Thierstein. Die Kommunen planen mehr oder weniger autark für sich.

„Speckgürtel“-Gemeinden im Zwiespalt zwischen Stadt und Land

Thierstein fordert, der Staat müsse eine Obergrenze beim Flächenverbrauch einführen, ähnlich wie in der Schweiz. Auch müssten sich Orte gezielt entlang von ÖPNV-Verkehrsknotenpunkten entwickeln. Schulen, Arztpraxen und Geschäfte müssten direkt im Umfeld von Bahnhöfen gebaut werden, damit sie schnell erreichbar sind. Das Ideal wäre der 15-Minuten-Ort, in dem alle wichtigen Einrichtungen innerhalb von maximal 15 Minuten zu Fuß zu erreichen sind.

Dazu müsste – auch in kleineren Kommunen – dann auch in die Höhe gebaut werden. Doch viele kleine Kommunen in Ballungsräumen hätten sich lange gegen urbane Veränderung gesträubt, sagt Thierstein. In die Höhe zu bauen bedeute auch, Konflikte im Ort einzugehen, weil es die Frage aufwirft: Wer wollen wir in Zeiten der Urbanisierung sein? Wie können wir unsere dörfliche Identität erhalten, und dennoch uns nachhaltig entwickeln?

Bürgermeister Böck: „Ein schmaler Grat“

Es sei ein schmaler Grat, sagt Bürgermeister Böck, die Abwägung zwischen Entwickeln und Bewahren. In Oberschleißheim werden in den nächsten Monaten zwei komplett neue Quartiere fertiggestellt. Eines mit 50 Prozent Wohnungen mit Sozialbindung, mit Quartierstreff, Demenz-WG und Lastenrad-Sharing – es klingt nach Großstadt, wenn der Bürgermeister das beschreibt.

Etwa 1.500 Menschen werden in den kommenden Jahren nach Oberschleißheim zuziehen. Heißt: Die Gemeinde muss für Kindergartenplätze sorgen, der Verkehr wird weiter zunehmen, besonders solange die S-Bahn als unzuverlässig gilt. Sind die Quartiere einmal bezogen, will die Gemeinde erst einmal keine neuen Gebiete erschließen, sondern eher in bestehenden Vierteln nachverdichten, sagt Böck. In Wohnvierteln mit großen Gärten weitere Häuser zu bauen, gilt – wie der Hochhausbau – als weitere Möglichkeit, den Flächenverbrauch einzudämmen. Allerdings verändert auch dies das Gesamtbild eines Wohnviertels. Und in dem wollen sich die Anwohner zu Hause fühlen.

 

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Christin Freitag ist eine erfahrene Wirtschaftsjournalistin und Analystin, die sich auf Finanzmärkte, Unternehmensstrategien und Wirtschaftspolitik spezialisiert hat. Mit über 10 Jahren Erfahrung liefert sie fundierte Analysen und tiefgehende Einblicke für die Leser der WirtschaftsRundschau.
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