Erst ist es nur ein fernes Donnern. Dann ein heftiges Unwetter, das sich auch in Elsas Kopf entlädt. Hilflos ist die Regisseurin einem Migräne-Anfall ausgesetzt, kann auch nicht mit Atemübungen gegensteuern, erleidet eine Panikattacke und landet schließlich in der Notaufnahme.
Film im Film
Der Auftakt von Pedro Almodóvars neuem Film „Bitteres Fest“ klingt dramatisch – und wirkt doch seltsam distanziert. Denn so richtig mitfühlen kann man nicht mit dieser Elsa: Hinter der stoischen Mimik und einer trotz Dunkelheit getragenen Prada-Sonnenbrille werden ihre Schmerzen nicht greifbar. Und mit ihrem roten Designermantel wirkt sie im Klinikfoyer selbstbewusster, als die Spätschicht schiebenden „Götter in Weiß“.
Dass irgendetwas an dieser Geschichte nicht stimmt, merkt auch Drehbuchautor Raúl. Er ist derjenige, der sich Elsa ausdenkt, der versucht, ihr Konturen zu geben, der Figur Leben einzuhauchen. Wie gebannt starrt er auf den blinkenden Textcursor seines Laptops: unfähig, seine seit Jahren andauernde Schreibblockade zu durchbrechen und ebenso unfähig, dieses Problem mit seinen engsten Vertrauten zu besprechen.
Almodóvar erfindet sich ein Alter Ego
„Bitteres Fest“ ist ein Film im Film. Genauer: ein Film über die Entstehungsgeschichte eines Films. Und noch genauer: ein autofiktionales Melodram, in dem Pedro Almodóvar einmal mehr Einblicke in sein eigenes Schaffen gibt. Denn während Elsa das Alter Ego von Raúl ist, ist Raúl das Alter Ego von Almodóvar.
Bis sich diese Zusammenhänge vollends erschließen, vergeht allerdings gut und gerne die Hälfte des Films. Denn „Bitteres Fest“ ist ein perfekt entworfenes Labyrinth, in dem sich das Kinopublikum gar nicht anders als verlieren kann und sogar geschulte Almodóvar-Kenner eine Weile brauchen werden, bis sie den roten Faden finden.
Almodóvar verstehen heißt: Farben lesen
Wer sich nun denkt: Na herzlichen Dank, dieses Rätsel hätte ich aber gern selbst gelöst – an Reiz verlieren wird der Film durch dieses Vorwissen kein bisschen. Schließlich fügt sich „Bitteres Fest“ perfekt in Almodóvars Oeuvre. Bedeutet: Es gilt nicht nur die zwischen zwei Zeitebenen hin und her springende Handlung zu dechiffrieren, sondern auch die Hinweise im Kostüm- und Produktionsdesign, die essentiell sind für das Stimmungsbild und weit hinausgehen über das Almodóvar-typische Colourblocking.
Wenn etwa Raúl im sattgelben Hemd vor seinem rot lackierten und mit Kulturwälzern vollgestopften Bücherregal thront und sein ihm gegenübersitzender und in gedämpften Blautönen gekleideter Partner fast eins wird mit der ebenfalls blauen Sofagarnitur, werden ohne Worte Grenzen gezogen im sozialen Miteinander, das eigentlich ein Ohne-Einander ist: leuchtende Kreativoase auf der einen, zum dekorativen Objekt verkommene Beziehung auf der anderen Seite.
Ein elegantes Alterswerk
Und weil „Bitteres Fest“ vor allem ein Eingeständnis ist, dass die Kunst das Leben imitiert und Kreative dazu tendieren, ihr Umfeld auszunutzen, also emotionalen Vampirismus betreiben, sollte das Augenmerk umso mehr auf das in optischen Details zum Ausdruck kommende Machtverhältnis der Figuren gerichtet werden: Die eine gibt und verblasst, die andere saugt aus und erstrahlt.
Eingeschworene Almodóvar-Jünger müssten an dieser autofiktionalen Selbstbespiegelung eigentlich Gefallen finden. Denn obwohl das verkopfte Gesamtkunstwerk erst spät auch auf emotionaler Ebene funktioniert – kaum jemand verpackt seine Ideen eleganter als der 76-jährige Großmeister der Gedankenverschachtelung.

