Auf Social Media wird dieser Song gerade extrem gefeiert und interessanterweise auch von jenen, die gar kein Arabisch sprechen: Die Rede ist von „Sabry Aalil“ von Sherine, ein mehr als 20 Jahre alter Klassiker aus Ägypten. Und er ist kein Einzelfall. Immer mehr Songs aus dem arabischen Raum, besonders aber aus Ägypten und dem Libanon, finden ihren Weg in westliche Feeds und gewinnen neue Fans dazu.
Arabische Elemente im Mainstream-Pop der 2000er
Haben sie das Zeug für den Mainstream? Solange sie nicht zu anders klängen durchaus, meint der Schweizer Musikethnologe, Autor und Künstler, Thomas Burkhalter. „Es muss immer noch nach Mainstream klingen, zu extrem darf es nicht sein.“ Burkhalter beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Musikszenen im arabischen Raum und deren globaler Verbreitung. Fusionsprojekte, in denen Vertrautes mit neuen Klängen und musikalischen Elementen verbunden wird, seien oft besonders erfolgversprechend, sagt er.
Ein gutes Beispiel ist der westliche Mainstream-Pop der 2000er. Britney Spears und Co bedienten sich immer wieder aus der arabischen Musiktradition. Immerhin steckt in diesem Klangkosmos ein enormes Spektrum an Emotionen und musikalischen Ausdrucksformen. Damals wurden solche Anleihen jedoch vor allem als exotisches Stilmittel wahrgenommen. Neu ist also keineswegs der Sound selbst, sondern vielmehr die Sichtbarkeit.
Sprachgrenzen werden abgebaut
„Wir waren schon sehr lange sehr stark auf Europa und USA ausgerichtet“, meint Burkhalter dazu. „Wir haben uns sehr lange daran gewöhnt, dass wir die Texte in unseren Muttersprachen oder zumindest auf Englisch hören wollen. Und alles, was von außerhalb von Europa kam, war halt Weltmusik und also uncool.“ Alles außerhalb der eigenen Hörgewohnheiten wurde zur Nische – genau das scheint sich jetzt zu verändern.
Sprachgrenzen in der Popmusik sind durchlässiger geworden, das haben zuletzt nicht nur der deutsche Hit „Gut genug“, sondern auch globale Phänomene wie K-Pop oder der Reggaeton-Boom gezeigt.
Große Labels entdecken den arabischen Musikmarkt für sich
Und ähnliches könnte auch arabischer Musik bevorstehen. Zumindest haben große Plattenlabels wie Universal, Sony und Warner bereits einen potenziellen Markt erkannt und investieren seit einigen Jahren in den Musikmarkt im Nahen Osten und Nordafrika. Mit Erfolg: Die Region zählt heute zu den weltweit am schnellsten wachsenden Musikmärkten. Auch auf Spotify legt arabischsprachige Musik deutlich zu.
Dass ausgerechnet jetzt alte arabische Pop-Klassiker wieder sichtbar werden, dürfte deshalb kein Zufall sein. Das Upcycling bewährter Songs über Social Media gehört längst zu den Strategien großer Plattenlabels. So lassen sich bestehende Musikkataloge einem neuen Publikum präsentieren und potenzielle Märkte ausloten.
Man kann darin eine Form kultureller Aneignung sehen. Westliche Musikkonzerne plündern gewissermaßen die Backlist der arabischen Musiktradition. Burkhalter hält jedoch die positiven Effekte für größer. Er glaubt, dass diese Verbreitungsstrategien auch der zeitgenössischen arabischen Popkultur hilft. Je stärker sich solche Musikschnipsel verbreiten würden, desto größer werde die Chance, „dass jemand aus all diesen Elementen einen eigenen Sound kreiert, eine eigene Stimme schafft, die sich dann durchsetzen kann“.

