Reisezeit ist Insta-Zeit. Zu den Hauptattraktionen jedes Reiseziels gehören heutzutage die Foto-Hotspots, gerne Landmarken wie den schiefen Turm von Pisa, berühmte Gemälde wie die Mona Lisa oder Filmschauplätze. Es gilt, jene Plätze abzuarbeiten, wo tausende auch schon gestanden haben, um das obligatorische Selfie vor dem eben nicht austauschbaren Hintergrund zu machen.
Wiedererkennen macht Freude
Das zeigt zum Beispiel ein Besuch im Musée d’Orsay in Paris. Wie so oft, ist es sehr voll, schon vor dem Eingang bildet sich eine lange Schlange. Die längste findet man allerdings im Innern des Museums. Das d’Orsay ist ja ein ehemaliger Bahnhof, ein Außenfenster mit der alten gläsernen Uhr mit Aussicht auf den Eifelturm hat man beibehalten. Und dort stehen die jungen Menschen und warten geduldig, bis sie endlich an der Reihe sind, um genau das zu machen, was vor ihnen alle gemacht haben.
Ja, es stimmt, es gibt einen Kult des Individuellen, aber interessanterweise äußert er sich oft darin, andere exakt zu imitieren.
Historische Vorlage
Reisen war immer auch das Abhaken von berühmten Stätten. Die Grand Tour des 18. und 19. Jahrhunderts war eine Bildungsreise zu antiken Stätten und berühmten Gemäldegalerien. Auch damals dokumentierte man gerne, vor Ort gewesen zu sein. In Pomeji oder Luxor finden sich zahlreiche Gravuren von Besuchern, die allen mitteilen wollten: Ich war schon da.
Fotos sind da sehr viel schonender. Aber noch ein Unterschied ist deutlich zu erkennen. Das Soziale tritt in den Vordergrund. Mit einem seltsamen Effekt: Das Objekt wird unwichtiger, tritt quasi zurück und die Handlung des Hinfahrens und Fotografierens selbst wird im Gegenzug immer wichtiger.
DeLillo hat das Phänomen gut beobachtet
Der US-Schriftsteller Don DeLillo hat diesen Effekt schon vor vier Jahrzehnten beschrieben. Er lässt im Roman „Weißes Rauschen“ eine Figur einen Umweg machen, um sich eine ganz besondere Attraktion anzuschauen: eine Scheune. Natürlich nicht irgendeine, zahlreiche Schilder weisen auf die meistfotografierte Scheune der USA hin. Und der Protagonist ist begeistert, ja geflasht, von der Andacht, vom Aufwand, mit dem zahllose Fotografierende links und rechts von ihm sich, nein, nicht der Scheune, sondern diesem Moment hingeben.
Diese Beobachtung DeLillos gilt heute doppelt. Es ist nicht mehr das Objekt selbst, nicht die Scheune, nicht die Bahnhofsuhr. Es ist einmal das reale Zusammenkommen an dem einen, dem fototauglichen Ort. Alles dreht sich um den Moment, den Augenblick der Synchronisation mit allen anderen vor Ort, aber auch mit denen, die vor einem schon Bilder geteilt und geliked haben.
Halb lokal, halb digital
Eine große Sehnsucht zeigt sich darin. Die Sehnsucht, unter Menschen zu sein, etwas mit Menschen zu erleben, die genau das Gleiche wollen. Und hier kommt vielleicht die Erfahrung des Lockdowns mit ins Spiel. Eine ganze Generation hat in ihrer Jugend die Erfahrung gemacht, nicht mehr Menschen begegnen zu können. Alle Kommunikation mit Gleichaltrigen fand im Netz statt. Was bei aller Beschränktheit auch ein Glück war: Nur so entstand das Gefühl, verstanden zu werden. Durch Sharen, durch den Austausch, durch das Sich-Bestätigen.
Und auch wenn es manchmal sehr eng, sogar rangelig wird an den Foto-Hotspots: Dort findet ein sozialer Austausch statt. Halb lokal, halb digital. Ein Gemeinschaftserlebnis. Und seit Corona wissen wir alle, wie wichtig die sind für unsere mentale Gesundheit.

