„Leider wurde ich jahrelang verschwiegen“, erzählt Danielle de Picciotto im BR-Interview. Die gebürtige New-Yorkerin und Wahlberlinerin ist Künstlerin, Musikerin, Filmemacherin – und hat die Loveparade mitgegründet. „Es wurde oft so erzählt, als ob Motte das alles alleine gemacht hätte. Das ist überhaupt nicht wahr. Sowas kann man gar nicht alleine machen.“
Danielle de Picciotto ist Teil der neuen ARD Doku „Love is Stronger“. Der 90-minütige Film erzählt die Geschichte der Techno-Parade. Aber, da wo viele vor allem an Mitgründer und DJ Dr. Motte, die 90er und das Ende der Techno-Parade denken, setzt Regisseurin Britta Mischer einen neuen Fokus: Die Doku erzählt die Geschichte von zwei Frauen: Danielle de Picciotto und Ellen Dosch-Roeingh. Die eine war Mitgründerin der Loveparade, lange verschwiegen in den Erzählungen. Und die andere ließ das Event wieder auferstehen – als „Rave The Planet“ – als führende Kraft.
Loveparade früher – „Rave The Planet“ heute
Danielle de Picciotto war ganz früh dabei, damals Ende der 90er, als die Berliner Techno-Kultur entsteht. Im Gespräch erzählt sie davon, wie sie mit ihrem damaligen Partner Dr. Motte in Berlin die ersten Techno-Parties und schließlich auch die erste Loveparade im Jahr 1989 organisiert hat. „Einer unserer Träume war immer mal nach Rio de Janeiro zu gehen, um da so eine Parade mal mitzuerleben“, berichtet sie. Aufgrund fehlender finanzieller Mittel veranstalten die beiden dann ihre eigene Version – mit Techno, Kostümen und dem Motto „Musik fliegt über alle Mauern“. Deutschland steht damals kurz vor der Wende.
Ellen Dosch-Roeingh ist Geschäftsführerin der „Rave The Planet GmbH“. Die Doku begleitet sie zusammen mit ihrem Ehemann Dr. Motte in einem Zeitraum von drei Jahren und setzt damit den anderen Schwerpunkt des Films: „Rave The Planet“. Im Jahr 2022 fand der direkte Nachfolger der Loveparade zum ersten Mal in Berlin statt. Damals kehrten die Trucks und der Techno zurück auf die Straße des 17. Junis. Mit circa 300.000 Menschen. Regisseurin Britta Mischer zeigt die Gedanken, Hürden und Emotionen, auf die die Veranstalter:innen vor und nach dem Event treffen und montiert sie mit Archiv-Material und Zeitzeugen-Interviews über die Vergangenheit. Loveparade-Geschichte und „Rave the Planet“ gemixt mit deutscher Techno-History.
Eine strukturierte Macherin
Die Doku packt einen gerade in den kleinen Momenten. Zum Beispiel in der Beziehung zwischen Dr. Motte und Ellen Dosch-Roeingh. Er, der Mann mit dem fast kindlich-naiven, aber anrührenden Traum von Weltfrieden, der seit 40 Jahren besteht. Und Sie, eine strukturierte Macherin, die den gemeinsamen Traum checkt und für ihn kämpft, die ihren Ehemann aber oft auch in die Realität führen muss. Nicht selten ermahnt oder rügt Ellen Dosch-Roeingh Dr. Motte für unbedachte Aussagen oder Aktionen. Hier und da schließt sie ihn sogar konsequent aus Bereichen der Organisation aus. Eheleben eben. Sehr sympathisch.
Mit „Love is Stronger“ erfindet die ARD keine neue Erzählung der Loveparade. Mehr schafft der Film eine Sichtbarkeit. Für Frauengeschichte im Kulturbereich. Und für die Möglichkeit, neu anzufangen. „Ich finde es gut, dass man die Freiheit hat, auf der Straße etwas zum Ausdruck bringen zu können“, kommentiert Danielle de Picciotto dazu. „Rave The Planet“, den CSD und alle andere Paraden findet sie absolut wichtig.

