Sie wollen hoch hinaus. Das verbindet die beiden jungen Protagonistinnen im neuen Roman „Die Dichterin“ von Özge Inan. Beide sind sie talentiert und ehrgeizig, die eine, Emma, ist Dichterin, die andere, Nazanin, Journalistin. Beide wollen sie berühmt werden und gerne auch die Welt besser machen. Und so, wie das Spiel läuft, braucht es dazu zwei Sachen: Aufmerksamkeit. Und noch mehr Aufmerksamkeit.
Der Kampf um Aufmerksamkeit
Für Emma stehen die Startchancen nicht schlecht. Sie ist jung, schön, schlau und als Lyrikerin auf dem Weg zum Star. Ihre Gedichte sind kein Herzschmerzgesäusel, sie erzählt vom Leben in Armut. Und sie hat es selbst erlebt. „Dieses ‚Wir‘, dem es zu gut geht und das bisher in Sicherheit lebte, kenne ich nicht“, sagt sie im Roman. Soweit ihre Selbstinszenierung.
Doch als Nazanin, die Journalistin, für ein Porträt recherchiert, passt einiges nicht zusammen. Bis sie sich irgendwann fragt, ob Emma die umjubelten Gedichte überhaupt geschrieben hat.
Die Verführungskraft von Aufmerksamkeit
Ganz klar, Özge Inan – selbst erfolgreich als aufstrebende junge Journalistin für große Medien wie „Spiegel“ und „Süddeutsche Zeitung“ und seit ihrem vielbeachteten ersten Roman „Natürlich kann man hier nicht leben“ auch mit dem Literaturbetrieb vertraut – erzählt hier nicht nur einen interessanten und unterhaltsamen Plot um einen Plagiatsverdacht im Literaturbetrieb. Inan diskutiert auch die Konflikte, die mit den Rollen „Schriftstellerin“ und „Journalistin“ einhergehen und mit denen sie selbst durchaus hadert.
Die Verführungskraft sogenannter „Reichweite“ kenne sie nur zu gut, erzählt sie im Interview. „Ich hab manchmal das Gefühl, ich muss mich da im Auge behalten, dass es nicht zum Selbstzweck wird.“ Viel von dieser Lust am eigenen Erfolg, dem Ehrgeiz, der sich vor allem auf Klickzahlen richte, habe sie auch in ihrem neuen Roman verarbeitet.
Und die Wahrheit?
Und auch wenn in „Die Dichterin“ überraschend viel von Zeitungen und Fernsehen die Rede ist, die unerbittlichen Regeln der Aufmerksamkeitsökonomie unterscheiden sich wenig von denen im Digitalen. Dort, wo das Versprechen lautet, dass jeder ein Star werden kann, wenn er es nur richtig anstellt.
Welchen Stimmen hören wir zu und welchen nicht? Wo verbirgt sich am Ende die Wahrheit? Spielerisch wirft Özge Inan diese Themen auf. Während allerdings die Plagiatsvorwürfe um Emma im Roman geklärt werden, bleiben die grundsätzlicheren Fragen auch in diesem Roman offen.

