Wie machen sie das nur bei den Bregenzer Festspielen, dass die Karten für „La Traviata“ schon um Ostern herum ausverkauft waren, während sich andere hochkarätige Festivals, sogar das in Bayreuth, mächtig abstrampeln müssen, um deutlich weniger Tickets loszuwerden? Liegt es daran, dass sie in Bregenz alle Opern auf zwei pausenlose Stunden kürzen? Oder an der spektakulären Aussicht über den Bodensee?
„Wir verkaufen Urlaub und Erlebnis“
Womöglich gibt es einen entscheidenden Unterschied, wie der Kaufmännische Direktor der Bregenzer Festspiele, Michael Diem, meint: „Wir verkaufen Urlaub, wir verkaufen vor allem Erlebnis. Im Urlaub will ich etwas erleben, und wenn internationale Destinationen nicht so einfach angeflogen werden können, dann gewinnt die Region und wir sind offensichtlich eine Lösung, ein Schlüssel dazu.“
An den Bodensee kommen die Seebühnen-Besucher nicht in erster Linie wegen der Kultur, sondern wegen der Landschaft und des Freizeitwerts der Berge, der Schifffahrt, des Zeppelin-Museums und anderer Attraktionen. Außerdem verstehen sich die Festspiele, anders als die Konkurrenz in Bayreuth und Salzburg, nicht als elitär.
„In Summe ist es schon wichtig, dass wir nicht zu teuer werden. Wir wollen nach wie vor Volksfestspiele bleiben“, so Michael Diem: „Wenn wir dann ein vom Titel her weniger starkes Stück haben, dann muss ich natürlich auch einkalkulieren, dass weniger Aufführungen auf dem Spielplan stehen und die Auslastung vielleicht nicht 100 Prozent sein wird. Dann hilft mir der Preis, der nicht überzogen wurde.“
Gefragt sind teure „Pakete“
Verdis „La Traviata“ jedenfalls füllte die Ränge in Rekordzeit, und zwar zu Preisen zwischen 30 und knapp 500 Euro, wobei die teuersten „Lounge“-Karten gern von Schweizern erworben werden, die nicht nur die Oper sehen wollen, sondern auf ein ganzes Eventpaket mit Verköstigung Wert legen, so Diem: „Sie kaufen sich Urlaub und wollen dann auch das Hotel Ihrer Wahl dazu und machen das als Gesamtpaket.“
„Pakete schnüren“ ist im Tourismus bekanntlich schwer in Mode, sonst gäbe es keinen Kreuzfahrtboom. Auch in der Kultur scheint das angesagt zu sein. In Bayreuth bieten sie neuerdings auch „exklusive Packages“ an, also ein limitiertes Kartenkontingent für mehrere Vorstellungen. Die Kombi-Preise für drei oder vier Aufführungen beginnen dort bei 527 Euro bzw. 714 Euro. Offenbar sind diese Arrangements gefragt: Fast alle „Packages“ sind für 2027 bereits ausverkauft.
„Da müssen wir ein bisschen aufpassen“
Allerdings hat Bayreuth (73.000 Einwohner) ein ähnliches Problem wie Bregenz (29.000). Es sind dezentrale Städte ohne Flughafen-Anbindung, die sich mit Salzburgs luxuriöser Infrastruktur nicht messen können.
„Wir sind nur eine Kleinstadt, und da kann man recht rasch an die Grenzen kommen“, so Michael Diem: „Da haben es die großen Städte mit ÖPNV und U-Bahn, mit zig Hotels und ich weiß nicht was alles, ein bisschen leichter als wir. In der Dimension von 190.000 Besuchern innerhalb von viereinhalb Wochen, da müssen wir ein bisschen aufpassen.“
Kommt künftig das „Dynamic Pricing“?
Wachsen kann Bregenz also kaum noch, trotz des attraktiven touristischen Umlands mit Lindau, Liechtenstein und Sankt Gallen. Aber womöglich lässt sich der Umsatz dennoch steigern. Im Kulturgeschäft ist das sogenannte „Dynamic Pricing“ angesagt, also flexible Preise, die der Nachfrage ständig angepasst werden. Das heißt, die Zuschauer können sich nicht mehr sicher sein, dass ihr Sitznachbar dasselbe bezahlt hat wie sie.
„Wir möchten nicht jene bestrafen, die früh buchen. Wer früh bucht, der bekommt das Ticket zum Preis, wie es ausgeschrieben wurde“, verspricht Diem. „Wenn dann gewisse Kategorien an gewissen Tagen für gewisse Produktionen enorm nachgefragt werden, dann möchten wir auch ein bisschen was drauf geben, aber nicht unverschämt. Der Vorteil von diesem System ‚Dynamic Pricing‘ ist natürlich, dass wir dann im übernächsten Jahr wieder mit dem Grundpreis beginnen können.“
Manchmal kommt dem „Erlebnis“-Marketing dann aber doch was dazwischen: Weil der Wasserstand des Bodensees derzeit so niedrig ist, konnten die Ausflugsschiffe die Besucher nicht direkt zur Seebühne bringen. Womöglich ist der längere Fußweg aber auch wieder ein „Event“.

