Gestern am späten Nachmittag kam diese Nachricht wie aus dem Nichts: Die österreichische Schriftstellerin Monika Helfer ist tot. Sie starb überraschend infolge eines Sturzes, wie ihr Verlag, der Münchner Carl Hanser Verlag, mitteilte. Die 1947 geborene Autorin veröffentlichte seit den 1970er-Jahren Romane, Erzählungen, Kinderbücher, Theaterstücke sowie Hörspiele. Berühmt aber wurde sie erst im Alter. 2020 wählten die Hörerinnen und Hörer von Bayern 2 beim Bayerischen Buchpreis Monika Helfers Roman „Die Bagage“ zum Publikumspreisträger.
Dieser Bagage, ihrer Familie – ihren Großeltern, ihren Eltern, ihren Geschwistern, einem Haufen herrlicher Originale, Eigenbrötler und Außenseiter – hat Monika Helfer in Form mehrerer schmaler Bücher ein berührendes literarisches Denkmal gesetzt. Die drei autofiktionalen Romane, ihre „Bregenzerwald-Trilogie“, wurden allesamt Bestseller: „Die Bagage“, „Vati“ und „Löwenherz“ erschienen binnen dreier Jahre, 2020, 2021 und 2022, und verhalfen Monika Helfer zu später Berühmtheit.
Traumatische Verluste in jungen Jahren
Ihr Leben war reich an Erfahrungen – auch traumatischen. Ihr Bruder Richard, ein kauziger Schriftsetzer und Maler, hatte sich mit 30 Jahren das Leben genommen. Eines von Monika Helfers Kindern, ihre Tochter Paula, kam mit 21 Jahren bei einem Bergumfall ums Leben – und auch Monika Helfers Eltern starben viel zu früh.
Es ist wohl nicht falsch, wenn man sagt, dass die frühe Begegnung mit dem Tod im Teenager-Alter – erst starb ihre Stiefmutter, dann ihr geliebter Vater – Monika Helfer zur Schriftstellerin hat reifen lassen. Sie mochte die Formel vom Schreiben als Therapie gar nicht, aber sie schrieb gegen die „komische Stummheit“ zu Hause an.
Trost im Schreiben
„Ich habe dann angefangen, auf Zettel zu schreiben, und meine Gedanken aufzuschreiben“, erzählte sie einmal im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk. Trösten wollte sie sich damit, „weil ich dachte, da kann ich alles sagen, was ich will, und niemand hört es, aber trotzdem ist es aus mir heraus.“
So durchwebt ihre Romane auch eine feine und tiefe Melancholie, sie kommen in einer märchenartig-einfachen Sprache daher, die Raum für Doppelbödigkeiten lässt. Wer sie kennt, vergisst nie, wie Monika Helfer einst mit ihrem schweigsamen kriegsversehrten Vater im Wald einige seiner geliebten Bücher vergraben musste.
Meisterhaftes Verweben von Realität und Phantasie
Gefürchtet habe sie sich damals, wusste nicht, was los war: „Man gibt doch keine Bücher in ein Wachstuch und schnürt es zu und schaut, wo ein Baum umgestürzt ist und dann vergräbt man da das ganze Paket.“ Unheimlich sei das damals gewesen, erinnert sie sich rückblickend.
Die Liebe zur Literatur wurde Monika Helfer früh durch ihren buchvernarrten Vater eingepflanzt. Doch anders als er verschanzte sie sich nicht dahinter, sie schrieb sie. Und wurde zu einer großartigen Erzählerin, die Realität und Phantasie meisterhaft verwob: „Es ist nicht alles wahr, was ich geschrieben habe. Und durch diese Fiktion schütze ich mich auch. Sollte jemand kommen und sagen: Das ist ja gar nicht wahr, was du schreibst… nun, ich habe nie behauptet, dass alles wahr ist, es ist mit Fiktion vermischt.“
Heimatverbunden bis zuletzt
In zweiter Ehe war Monika Helfer mit dem Schriftsteller Michael Köhlmeier verheiratet. Es war eine sehr enge, symbiotische Beziehung. Und obwohl sie oft heraus wollte aus ihrer Heimat, blieb sie, die früh Mutter geworden war, immer dort. Sie ging jeden Tag anderthalb Stunden im Wald bei Hohenems in Vorarlberg spazieren, nur dann nicht, wenn es „Kröten hagelte“, wie man das bei ihr daheim nennt. Sie tat dies bis zuletzt, bis zu ihrem tragischen tödlichen Sturz.
Monika Helfer wurde 78 Jahre alt. Als sie über das Leben und die Heimat nachdachte, sagte diese große Erinnerungskünstlerin einmal: „Die Heimat ist ja zuerst die Welt und dann das Land. Und dann die Stadt und das Dorf. Und am Schluss ist es das Bett, in dem man stirbt. Es wird ja immer alles kleiner. Und dann wird’s immer vertraulicher.“

