Berücksichtigt werden müsse jedoch, dass Ärzte am Wochenende meist nur in Notfällen aufgesucht werden, sagt Wolfang Ritter vom Bayerischen Hausärzteverband. Deshalb erfolgt die Krankschreibung für Erkrankungen, die bereits am Wochenende begonnen haben, in den meisten Fällen erst am Wochenanfang.
Bei der Dauer der Krankschreibung orientieren sich Ärztinnen und Ärzte laut Ritter an der Schwere der Erkrankung. Bei leichten Infekten endet die Krankschreibung daher oft schon mittwochs, bei schwereren Infekten schreiben er und seine Kolleginnen bis zum Ende der Arbeitswoche krank – also bis Freitag. „Wenn jemand keinen Schichtdienst hat und am Wochenende nicht arbeitet, braucht er dafür auch keine Krankschreibung“, sagt Ritter. Freitags beginnen laut BKK-Daten mit 9,4 Prozent weniger Krankschreibungen als an jedem anderen Werktag.
Keine Datenauswertung für Krankschreibungen an Brückentagen
Die Zahl der Brückentage in Deutschland variiert. Je nach Bundesland und Kalender im jeweiligen Jahr können sich für Beschäftigte ein bis sechs Brückentage ergeben. Eine Auswertung der Daten wäre aufgrund der unterschiedlichen Tage, der geringen Anzahl jährlich und der regionalen Unterschiede aufwendig und wenig aussagekräftig und wird laut BKK bisher nicht gemacht. „Ich kenne keine Daten, die belegen, dass sich an Brückentagen mehr Menschen krankmelden“, sagt dazu Ritter vom Hausärzteverband im Gespräch mit dem #Faktenfuchs.
Keine Belege für “Blaumachen” rund um Wochenenden und Brückentage
Daniel Graeber vom DIW ergänzt:
„Selbst wenn man mehr Krankmeldungen rund um Brückentage sähe, würde das für sich genommen noch nichts beweisen.“
So sei auch bei Brückentagen – wie bei Montagen – zu berücksichtigen, dass Arbeitnehmerinnen am vorhergehenden Feiertag nur in Notfällen einen Arzt oder eine Ärztin aufsuchen. Kommen am Feiertag Menschen zusammen, könne dies außerdem das Infektgeschehen beeinflussen. Zudem seien Menschen, die aus stressigen Phasen kommen, zu Beginn von Erholungsphasen – wenn der Cortisolspiegel absinkt – anfälliger für Krankheiten, sagt Hausarzt Wolfgang Ritter.
„Dass an Brückentagen mehr ‘blaugemacht’ wird, ist eine verbreitete Vermutung. Belegt ist sie für Deutschland aber nicht“, sagt Daniel Graeber.
Der #Faktenfuchs hat außerdem mehrere der größten Arbeitgeber Deutschlands gefragt, ob sie vermehrt Krankmeldungen rund um Wochenenden und an Brückentagen feststellen. Die meisten verwiesen auf den Schutz interner Daten, weshalb sie sich nicht äußern wollten. Ein Sprecher der Rewe Group, die 270.000 Mitarbeitende in Deutschland beschäftigt, antwortete:
„Auf Basis unserer Erfahrungen haben wir keine Auffälligkeiten festgestellt, die die Annahme stützen würden, dass sich Beschäftigte rund um Wochenenden oder Brückentage vermehrt krankmelden.“
Fazit:
Für den Missbrauch der telefonischen Krankschreibung rund um Wochenenden und an Brückentagen gibt es nach Aussagen von Krankenkassen, Wirtschaftsexperten und Hausärzten keine Belege. Telefonische Krankschreibungen machen nur rund ein Prozent aus. Ursächlich für den Anstieg der Krankentage sind die Einführung der elektronischen Krankschreibungen (eAU) sowie langfristige Erkrankungen.
Quellen:
Interviews/Anfragen:
Interview mit Daniel Graeber, forscht am Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin
Interview mit Dr. Wolfgang Ritter, niedergelassener Hausarzt aus München und Landesvorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbandes
Presseanfrage an Pressestelle der Bayerischen Staatsregierung
Presseanfrage an Thorsten Frei (MdB)
Presse-Anfragen an mehrere Krankenkassen: AOK, Barmer, TK, DAK, DIW
Presse-Anfragen an mehrere der größten Arbeitgeber in Deutschland, wie etwa Edeka Verbund, Volkswagen AG, DHL Group, DB AG, Rewe Group
Veröffentlichungen:
Analyse des Zentralinstituts für Kassenärztliche Versorgung
DAK-Auswertung u.a. zu telefonischen Krankmeldungen
Auswertung der Barmer Krankenkasse: BARMER Gesundheitswesen aktuell 2025
Studien und Untersuchungen zu Phänomen der Leisure Sickness hier, hier und hier.

