Wieso wechselt eine Polizistin vom Morddezernat in New York zu einem Callcenter für ziemlich bescheuerte Wutbürger beim FBI? Warum hassen ihre Ex-Kollegen sie? Und vor allem: Wieso duscht sie sich nicht? Merkt sie nicht, dass sie aufdringlich riecht?
Alice Black ist von der Polizei zum FBI gewechselt, damit sie ihrem Ex-Partner und ehemaligen Kollegen nicht mehr begegnen muss. Nach und nach wird deutlich: Er hat sie misshandelt. Diese Erfahrung eigener Ohnmacht macht Black zu einer unerbittlichen Detektivin, die stunden-, gar nächtelang versucht, Licht ins Dunkel ihrer aktuellen Ermittlung zu bringen. Gegen den Widerstand ihres neuen Chefs, der sie eigentlich nur Telefondienst machen lassen will. Doch Alice Black sieht mehr als ihre Kollegen: Sie entdeckt ein Muster. Doch zu viel Ehrgeiz sollte eine Anfängerin beim FBI nicht haben – schon bald halten manche Kollegen sie für eine Serientäterin.
Parallelen zum Fall Epstein
Und da setzt bei vielen schon mal ein Gähnen ein – was kann eine Serienkiller-Serie schon Neues erzählen? Aber „Furious“ gelingt das: denn Alice Black hat es mit einer sehr seltsamen Mörderin zu tun. Sie tötet per Drogeninjektion, also ohne körperliche Gewalt, nachdem sie oft tage- oder wochenlang bei den männlichen Opfern gewohnt hat. Von denen bemalt sie Fotos, dekoriert sie mit Glitzersteinen, auch nach der Tat. Als ob ein junges Mädchen einen Star anhimmeln würde.
Im Zug der Ermittlungen und damit zeitgleich für uns Zuschauende wird klar: Ihr Auftreten als Nymphomanin ist Tarnung, um an die Männer, die sie von früher kennt, ranzukommen. Denn die Serienmörderin wurde als Jugendliche reichen Männern als Sexobjekt zugeführt. Ermittlerin Black ist bald auf der richtigen Spur: „Vielleicht sollten wir uns auf Jay Easton konzentrieren und uns fragen, warum es ein Foto gibt, auf dem er mit zwei minderjährigen Mädchen feiert. Was macht eine 15jährige auf dem Schoß eines Milliardärs?“
Ein geläuterter Ehemann?
Jay Easton ist ein Milliardär mit hervorragenden Beziehungen zur Politik. Parallelen zum Epstein-Fall sind offenbar beabsichtigt. Doch Gewalt gibt es nicht nur bei den oberen 10.000, sondern auch in ganz normalen Beziehungen. Beängstigend ist die dritte Folge: Dort begegnet Alice Black, großartig gespielt von Emmy Rossum, ihrem Ex-Partner wieder, weil der ihren Ermittlungen zugeteilt wird. Und sie ist überrascht, denn er zeigt Reue. Der Grund. Er möchte, dass sie seine todkranke Mutter ein letztes Mal besucht.
Aber kann sie ihm wirklich wieder vertrauen? Oder kommt die FBI-Ermittlerin damit wieder in jenen Teufelskreis aus emotionaler Abhängigkeit und häuslicher Gewalt, dem sie gerade mühsam entkommen ist? Bzw. nicht entkommen ist, weil sie immer noch Angst hat, von ihrem betrunkenen Partner aus der Dusche gezerrt zu werden? Und sich deswegen nicht mehr duscht. Die Serie „Furious“ zeigt zwei Modelle vom Umgang mit sexualisierter Gewalt. Sie zeigt, wie Frauen über Jahre und Jahrzehnte leiden – und wie wenig Verständnis sie erfahren. Das alles mit spannend gezeichneten Figuren, einer klugen Dramaturgie und überraschenden Dialogen. „Furious“ ist eine absolute Empfehlung. Auch wenn man sich nach dem Anschauen manchmal fühlt, als habe man gerade einen Schlag in die Magengrube bekommen.
Wenn Sie selbst Opfer von Gewalt geworden sind, können Sie unter anderem hier Beratung erhalten.

