Palantir ist die vielleicht mysteriöseste Softwarefirma der Welt. Unter dem Slogan „Software that dominates“ entwickelt das Unternehmen Programme für Geheimdienste, Militär und Polizei. Die Software kommt in Kriegen zum Einsatz, unterstützt die US-Einwanderungsbehörde ICE bei Massenfestnahmen und wird auch von der deutschen Polizei genutzt. Doch das Ungewöhnlichste an Palantir ist nicht ihre Software, sondern ihr Chef, Alex Karp.
Karp ist kein typischer Tech-CEO. Angefangen damit, dass Tech eigentlich nicht sein Spezialgebiet ist. Er ist Doktor der Philosophie. Aufgewachsen in einem progressiven, linken Elternhaus in Philadelphia, ging er Anfang der Neunzigerjahre nach Frankfurt am Main, um bei Jürgen Habermas zu promovieren.
Seinen Doktortitel machte er am Ende bei einer anderen Professorin, aber er forschte dort fast zehn Jahre lang zu den Ursachen des Faschismus in Deutschland. Heute unterstützt Karp US-Präsident Donald Trump und gehört zu den umstrittensten Unternehmern des Silicon Valley. Der Frage, wie es zu diesem Wandel kam, geht die neue Staffel des BR-Podcasts „Wild Wild Web – Inside Palantir“ nach.
Karp und das „Anderssein“
Karps Biograf Michael Steinberger hat ihn über Jahre begleitet. Einer seiner Besuche führt ihn in Karps abgelegenes Haus im Norden der USA. Nach der Begrüßung trainiert Karp zwanzig Minuten Tai Chi mit Holzschwertern, bevor das eigentliche Gespräch beginnt. „Er ist einfach so anders. Die Art, wie er denkt, wie er lebt, wie er spricht“, erzählt Steinberger in „Wild Wild Web – Inside Palantir.“
Dieses „Anderssein“ begleitet Karps seit seiner Kindheit. Der Vater ist jüdischer Kinderarzt, seine Mutter eine schwarze Künstlerin. Karp beschreibt später, sich schon als Kind als Außenseiter gefühlt zu haben. Daraus, sagt er, sei eine Angst vor autoritären Regimen entstanden. „Wenn der Faschismus kommt, bin ich der Erste oder Zweite an der Wand“, sagt Karp in einem späteren Interview.
Lange erklärt Karp so die Mission von Palantir. Seine Software solle Polizei und Militär helfen, Demokratien zu schützen. Denn Menschen wie er selbst seien nur dort wirklich sicher. Wie also wurde aus dem linken Studenten der Trump-Unterstützer von heute?
🎧 „Wild Wild Web – Inside Palantir“ erzählt in fünf Folgen die ganze Geschichte hinter Palantir und ihrem CEO Alex Karp – ohne PR oder Panikmache. Der Podcast blickt hinter die Kulissen der verschwiegenen Firma und spricht exklusiv mit ehemaligen Mitarbeitern.
Für Steinberger war Karps Wandel ein schleichender Prozess. Ein Wendepunkt sei ein Projekt in New Orleans gewesen. Dort stellte Palantir der Polizei der Stadt seine Software kostenlos zur Verfügung, um Gewalt in benachteiligten Vierteln zu bekämpfen. Als linke Aktivisten der Software vorwarfen, rassistische Polizeistrukturen zu verstärken, traf Karp das persönlich. „Das war für ihn der Bruch mit der Linken“, sagt Steinberger.
Der Kult um den CEO
Später, als Palantir an die Börse geht, wird Karp Multi-Milliardär. „Der Reichtum hat bei seiner politischen Entwicklung eine Rolle gespielt“, sagt Steinberger. Mit dem Geld verändert sich Karps Umfeld, er verbringt immer mehr Zeit mit anderen Milliardären, lebt zurückgezogen und entwickelt rund um seine Person einen Kult. Fans nennen ihn „Daddy Karp“. Gleichzeitig tritt er immer offensiver als Vordenker eines technologisch überlegenen Westens auf.
Den tiefsten Einschnitt erlebt Karp schließlich am 7. Oktober 2023. Nach dem Hamas-Angriff auf Israel trifft er sich persönlich mit Michael Steinberger zum Gespräch. „Es war das erste Mal, dass ich ihn wirklich niedergeschlagen erlebt habe“, sagt Steinberger. Er besucht Karp im Palantir-Büro in Washington, D. C. Der sonst rastlose CEO sitzt still da. Karp wirkt erschüttert und wütend, vor allem über die linken Proteste an US-Universitäten. Für ihn verwischen sie die Grenze zwischen Kritik an Israel und Antisemitismus.
Der politische Wandel
Nach dem 7. Oktober rückt für Karp Sicherheit noch stärker ins Zentrum. Gleichzeitig verliert er laut Steinberger endgültig das Vertrauen in weite Teile der politischen Linken. In den Monaten danach verändert sich sein öffentlicher Ton. Obwohl er Donald Trump früher scharf kritisierte, verteidigt er inzwischen dessen Sicherheitspolitik. Steinberger erinnert sich in „Wild Wild Web – Inside Palantir“ an mehrere Gespräche aus dieser Zeit: „Ich hatte manchmal das Gefühl, er versuchte, weniger mich zu überzeugen als sich selbst.“
Karp hat sich politisch weit von dem jungen Doktoranden entfernt, der in Frankfurt über Faschismus und Holocaust forschte. Geblieben ist vielleicht die Angst vor einer Welt, in der Außenseiter wie er selbst keinen Platz haben. Während Karp früher nach Antworten in der Philosophie suchte, setzt er heute auf Technologie.

