Die Nachfrage von Wildblumen-Samen ist nach dem Volksbegehren zum Artenschutz stark gestiegen. Doch seit einiger Zeit nimmt sie ab. Die Begeisterung für Blühwiesen geht zurück und die Bundesregierung plant, dass man sich künftig von der Pflicht, Ausgleichsflächen anzulegen, freikaufen kann. Eine zusätzliche Schwierigkeit für einen Betrieb, der davon lebt, Wildpflanzen-Samen zu verkaufen.
Manche Wildblumen muss man mit der Hand ernten
Ein buntes Feld aus lauter schmalen Streifen in Blaufelden im Landkreis Schwäbisch Hall in Baden-Württemberg. Im Ortsteil Raboldshausen sitzt die Firma Rieger-Hofmann, einer der größten Erzeuger von Wildblumen-Saatgut in Deutschland. Es leuchtet hellgrün, sonnengelb, violett, dunkelgrün, kupferfarben. In einem rund einen Meter breiten hellgrün-hellgrauen Streifen wachsen Kohldisteln. Vier Erntehelfer zupfen einzelne Samenstände von den Stängeln und werfen sie in Papiersäcke.
Das Problem: Es sind immer nur ein paar Samenstände erntereif. An einer Pflanze sind gleichzeitig geschlossene Blütenknospen und offene Blüten, die alle noch keinen Samen gebildet haben. Das ist typisch für eine Wildpflanze. Kein Züchter hat sich bislang darum gekümmert, dass sie gut zu ernten ist. Deswegen müssen die Samen der Kohldisteln mit der Hand gezupft werden. Die Mitarbeiter gehen vier Wochen lang zwei Mal pro Woche durch das Feld. Ein enormer Aufwand.
Der Wildblumen-Absatz geht vor allem über Mischungen
Kohldisteln tauchen in Aussaatmischungen für feuchte Wiesen auf. Sie sind eine wichtige Nahrungsquelle für Schmetterlinge und andere Insekten. Taubenschwänzchen, Hummel-Waldschwebfliege und Wanzen umkreisen die Blüten auch während der Ernte. Daran sieht man, wie wichtig die unscheinbare Kohldistel für die Artenvielfalt ist, so Johannes Rieger, einer der Chefs von Rieger-Hofmann. „Die muss auch mit rein, auch wenn damit vielleicht kein Geld verdient ist, weil so viel Handarbeit drinsteckt.“ Ein Kilo Kohldistelsamen kostet 850 Euro. Bei den Kohldisteln sind viele Samen in einem Blütenköpfchen. Und an den einzelnen Samen befinden sich winzige Flugschirmchen – die nächste Tücke. Denn am Schluss will Johannes Rieger den reinen Kohldistelsamen, entweder um ihn pur oder gezielt in Mischungen zu verkaufen. Um Blattreste, Stängelchen und die Schirmchen rauszubekommen, braucht man mehrere Spezialmaschinen.
Wildblumen-Saatgut muss aus der Region kommen
Andere Wildblumen wie Glockenblumen, Margeriten oder Fingerhut ernten sie mit Schneidladern, kleinen Mähmaschinen. Die Wildblumen müssen meist im grünen Zustand geerntet werden, sonst fallen zu viele Samen schon auf dem Feld aus. Die Firma Rieger-Hofmann hat über 300 verschiedene Pflanzenarten im Angebot, allein 150 Arten bauen sie selbst an. Der Rest kommt von Landwirten aus ganz Deutschland, die für Riegers Wildblumen anbauen. Das ist die nächste Besonderheit: Wildblumen-Samen darf nur in der Region ausgebracht werden, aus der er ursprünglich stammt. Das ist wichtig für die Tiere, die an die Wildblumen angepasst sind. Dazu ist Deutschland in 22 Ursprungsgebiete unterteilt.

