Eine Hexe lockt mit Süßigkeiten ein Geschwisterpaar in ihr Haus. Dort mästet sie den Jungen, um ihn zu verspeisen. Die Schwester stößt in Notwehr die Hexe in den Ofen, wo sie verbrennt. Es gibt Eltern, die „Hänsel und Gretel“ nicht für einen angemessenen Lesestoff für Kinder halten. Im Netz tobt ein Streit über das Pro und Contra. Gilt „Es war einmal“ jetzt für diese uralte Form von Erzählungen?
Schauspielerin warnt vor Märchen
Die Schauspielerin und Influencerin Marie Nasemann zählt viele Grausamkeiten aus Märchen auf (Verstümmelungen, Vergewaltigung, Ersäufen). Die Mutter hat deswegen entschieden, ihren Kindern keine Märchen vorzulesen, und viel Zustimmung für ihren Post erfahren. Sie hofft auch darauf, dass ihre Kinder durch andere Klassiker – wie etwa die Bücher von Astrid Lindgren – aufhören, die Welt in Gut und Böse aufzuteilen, und eher beginnen, an Problemlösungen zu denken.
Das Institut für angewandte Kindermedienforschung (IfaK) (externer Link) hingegen kommt bei Märchenlektüre zu einem anderen Fazit. Es geht davon aus, dass „sprachliche Kenntnisse gelehrt [werden] und ein erster Einstieg ins Lesen und die Welt der Geschichten ermöglicht“ wird. Auf der Instituts-Homepage sind auch Links zum Thema versammelt.
Die Debatte um die Angemessenheit von Märchen als Kinderlektüre ist fast so alt wie die Märchen selbst. Der Kinderpsychologe Bruno Bettelheim schrieb zur Verteidigung des Genres schon vor 50 Jahren den Bestseller „Kinder brauchen Märchen“. Er war überzeugt, Märchen würden das Unbewusste ansprechen und Kindern helfen, mit ihren Zwängen und Nöten umzugehen.
Warum schmerzen keine Wunden im Märchen?
In der Märchentheorie werden Märchen von Legenden und Sagen unterschieden. Der Schweizer Literaturwissenschaftler Max Lüthi benannte etwa den zentralen Unterschied, dass in Märchen das Fiktive niemals in das Reale überschwappte. Wenn sich jemand eigenhändig einen Finger abschneidet, dann gibt es keine Beschreibung von Schmerzen oder Wunden – anders als in Legenden. Das Magische des Märchens läge gerade in dieser „Eindimensionalität“. Anders gesagt: Was im Märchen gesagt wird, bleibt im Märchen. Auch Kinder seien deswegen in der Lage, Märchen als etwas komplett anderes wahrzunehmen, das mit ihrer Lebenswirklichkeit nichts zu tun habe. Die Welt des Märchens habe keine Verbindung zu jener des Kinderzimmers.
Die Frage, die im Zentrum der Debatte steht, lautet: Nehmen Kinder das Vorgelesene als wahr an oder erkennen sie die Fiktion darin? Wer Märchen als buchstäbliche Beschreibung versteht, wird sie wie Marie Nasemann kaum Kindern vorlesen. Wer in ihnen vor allem ein Spiel mit der Realität sieht, also eine erzählte Welt, in der es drei Wünsche und einen Goldesel gibt, wird Kindern wohl auch weiterhin erlauben, ihre Fantasie in Märchenstoffen auszuleben.

