Das ist schon ein spezielles Angebot: Im Stadtraum von Nürnberg steht ein Automat, der einem für Zigaretten zum Verwechseln ähnlich schaut. Doch wenn man Geld hineinsteckt, kommt – in der Größe einer Zigarettenschachtel – Kunst heraus. Am Wochenende war es mal wieder Zeit für einen „Schachtwechsel“: Neue Schachteln mit neuen kleinen Kunstwerken wurden in den Kunstautomaten gesteckt.
Geschätzt von Kunstfans
Schon eine Stunde vor dem Termin wartet Ulrike Kolb aus Erlangen auf den Schachtwechsel – und mit ihr zusammen viele andere Kunstfans. Noch ist der weiße Kunstautomat, der in der Nürnberger Sterngasse, einer Seitenstraße zwischen dem Neuen Museum für Kunst und Design und dem Rotlichtviertel hängt, leer. „Ausverkauft“ steht auf den Zetteln in jedem Schacht.
Hergekommen sei sie schon zweimal, sagt Ulrike Kolb, aber da sei der Automat jedes Mal leer gewesen. „Die Hintergründe kannte ich nicht, wie oft der aufgefüllt wird. Deshalb hab ich jetzt doch mal im Internet recherchiert und gelesen, dass jetzt Schachtwechsel ist und eine neue Auffüllung kommt.“ Die wollte sie nicht verpassen und deshalb sei sie jetzt rechtzeitig hergekommen.
Kunst, extra für den Automaten
In einem Glaskasten neben dem Kunstautomaten: die Objekte, mit denen er gleich befüllt wird. Zehn Künstlerinnen und Künstler haben extra für diese 52. Staffel Kunst geschaffen. Die Liste der Künstler, die hier bereits ausstellten und an dem Projekt mitgearbeitet haben, ist lang und international.
Ulrike Kolb hat schon ein Objekt für sich im Auge: „Vom Herrn Baumann rechts unten, sieht wie eine Limette aus mit der kleinen Figur: Das find ich ganz reizvoll und sehr originell!“
Die Idee: Kunst für alle
Die beiden Künstler Winfried Baumann und Anna Bien haben den Kunstautomaten 2010 aufgehängt, direkt vor ihrer Galerie. „Kunst ist eigentlich für alle zugänglich,“ erklärt Anna Bien die Idee hinter dem Automaten und Winfried Baumann pflichtet ihr bei: „Der Grundgedanke steht auch auf dem Automaten groß: Kunst für alle.“
Bis 2010 hatten sie hier noch eine Produzentengalerie, das sei aber „einfach zu viel Arbeit“ gewesen, so Baumann, „weil wir als freischaffende Künstler auch noch jeweils ein eigenes Atelier haben und wir wollten aber eine Möglichkeit finden, dass wir mit Kollegen und Freunden künstlerisch auch zusammenarbeiten können.“
Künstler kommen zum Schachtwechsel
Seitdem gibt’s dreimal im Jahr eine neue Füllung. Und das ist jedes Mal ein Ereignis. Fast alle Künstlerinnen und Künstler sind gekommen und sagen ein paar Worte zu ihrem Objekt. „Ich hab einen Linoldruck gemacht, und das ganze Motiv sieht so aus,“ erklärt etwa Thao Lam: „Es ist ein Vogel aus der koreanischen bzw. chinesischen Mythologie, das jeweils nur ein Auge hat und einen Flügel, und zusammen mit dem anderen Paar, nur mit denen können sie fliegen.“
„Bei mir bekommen Sie heute was zum Lesen,“ sagt Birgit Bossert zu ihrem Mini-Kunsterk, „und zwar hab ich in 30 Teilen die Novelle von Thomas Mann abgeschrieben: Der Tod in Venedig.“
Am Ende immer ausverkauft
Dann endlich sind alle Schächte befüllt und die Wartenden können sich ihr Lieblingsstück ziehen. Sechs Euro kostet eines. Inge Weiß hat einen ganzen Beutel mit Münzen mitgebracht. „Ich bin im Auftrag meiner Tochter da. Die ist im Urlaub, und so hab ich also den Auftrag: Mama, besorg mir das, das, das.“
Jedes Objekt ist auf 24 oder 48 Exemplare limitiert. Und während manche Künstler aus einer Ausstellung heraus nur wenig verkaufen, ist das beim Kunstautomaten anders, erzählt Initiatorin Anna Bien: „Schon lange sind die eigentlich ausverkauft, was für Künstler was Tolles ist. Das heißt, dass meine Arbeit schon 48 mal verkauft ist, schon 48 Leute Interesse hatten.“
Keine Schwelle zur Kunst
Für Mitinitiator Winfried Baumann ist vor allem wichtig, dass es beim Kunstautomaten in der Sterngasse keine Schwellenangst gibt. Kunst für alle eben: „Das merken Galerien, das merken große Ausstellungshäuser: Es gibt immer noch so ein bisschen den Moment, wo sich manche trauen und manche eben nicht trauen. Und der Kunstautomat bietet 24 Stunden die Möglichkeit, ganz alleine, ganz in Ruhe, ohne eine Schwelle zu übertreten, in den Genuss von Kunst zu kommen.“

