In Bayern hat etwa jedes vierte Kind Asthma, Heuschnupfen, Neurodermitis oder eine andere Allergie. Doch die Kinder vom Hartlhof in Olching bei München haben damit kein Problem, ihre Mutter Sabine Hartl ist froh, dass niemand in der Familie überempfindlich auf Pollen oder Tierhaare reagiert. Die Kinder sind oft im Kuhstall, füttern Hasen und die Pferde der Familie.
Wie dieser sogenannte Bauernhofeffekt vor Allergien schützt, erforschen Allergieexpertinnen und Epidemiologen in München seit Jahrzehnten. Jetzt konnte eine Forschungsgruppe des Münchner Helmholtz-Instituts für Asthma- und Allergieprävention und der von Haunerschen Kinderklinik der LMU München erstmals zeigen (externer Link), wieso das Risiko für Allergien sinkt, wenn Kinder auf Bauernhöfen aufwachsen und dabei im Kuhstall spielen oder helfen.
Erfolgreiche Suche nach der „Nadel im Heuhaufen“ gegen Allergien
„Wir haben Staubproben aus dem Kuhstall untersucht, zunächst auf DNA‑Spuren, und ermittelt, zu welchen Bakterien sie passen könnten. Danach haben wir schrittweise überprüft: Wenn wir einzelne Bakterien ausschließen, finden wir dann weiter den Bauernhofeffekt?“
So erklärt Markus Ege vom Institut für Asthma- und Allergieprävention am Helmholtz-Zentrum München die Detektivarbeit des Teams. Mithilfe der Bioinformatik konnten die entscheidenden Bakterien-Spezies gefunden werden. Giulia Pagani hat die Modelle entwickelt und erklärt, warum das Ergebnis so überraschend war: „Wir haben sehr wenige Bakterien identifiziert, die wir jetzt genau benennen können, und die, anders als erwartet, keine giftigen Bestandteile haben.“
Viele Bakterien können durch solche Giftstoffe allergische Reaktionen auslösen. Darauf hatte sich bislang die Forschung konzentriert. „Das neue Ergebnis ändert den Fokus“, erklärt Allergieexperte Ege. Für die Entwicklung von künftigen Arzneistoffen für die Allergieprävention sind die Stoffwechselprodukte vielversprechend. Das sollen weitere Studien im Labor zeigen.
Überraschendes Ergebnis: Bakterien der Kuh sind die Ursache
Für die neue Studien nutzte das Team Daten einer alten Studie. Vor rund zwanzig Jahren haben Allergieforscher in München und Europa bei über 1.000 Schulkindern Nasenabstriche abgenommen. Bei 47 Kindern wurden Staubproben von Matratze und aus dem heimischen Kuhstall gesammelt. Die Studie (externer Link) zeigte damals: Kinder vom Hof hatten nur etwa halb so oft Heuschnupfen, Asthma und Neurodermitis wie Gleichaltrige aus der Stadt.
Mit umfassenden Genanalysen, sogenannten „Metagenomics“, und Computermodellen gelang es dem Team, den Weg von der Kuh zum Mensch nachzuverfolgen: Im Darm der Kuh bilden zwei Arten von Bakterien Stoffwechselprodukte, die in die Stallluft gelangen. Beim Einatmen reagieren Immunrezeptoren der Lungenzellen. Sie verhindern eine Entzündung der Atemwege, die bei Allergien dafür sorgt, dass die Schleimhaut anschwillt und Symptome wie Husten auslöst. Die Studienergebnisse erklären den Großteil des schützenden Bauernhofeffekts für Asthma und teilweise auch für Heuschnupfen und Neurodermitis.
Prävention für allergisches Asthma in den ersten Lebensjahren sinnvoll
Viel draußen sein, Bewegung und eine Ernährung mit viel Obst und Gemüse helfen, das Immunsystem von Anfang an zu stärken. Denn für das Immunsystem und die Allergieneigung spielt das Mikrobiom eine Schlüsselrolle. Das ist die Vielzahl von Bakterien, Pilzen, Viren und anderen Mikroben, die Haut, Schleimhäute und den Darm besiedeln. Wachsen Kinder in einer zu sauberen Umgebung auf, verhindert das eine gesunde Prägung des Immunsystems. Im Kuhstall kommen Kinder mit einer Vielzahl unterschiedlicher Mikroben in Kontakt. Gleichzeitig leben Kinder auch auf dem Land anders als früher, sind seltener im Stall und stärker Luftschadstoffen und den längeren Pollensaisons ausgesetzt. Deshalb braucht es neue Wege, um Allergien frühzeitig vorzubeugen.

