Die Eröffnungssequenz ist großartig. Eine aufreizende, fast schon exaltierte Einladung an den Zuschauer, begleitet vom psychedelischen Sound der New-Wave-Band „The Cars“. Eine Kamera, die etwas ziellos über die frühsommerlich strahlenden Hollywood Hills streift, bis sie das im Sonnenlicht blitzende schwarze Mercedes-Cabrio entdeckt, das sich durch die Straßen schlängelt – in ihm der 17-jährige Bret (Igby Rigney), dieser fantastisch gutaussehende Erzähler, der nach Westwood ins Kino will, um sich dort Kubricks‘ „The Shining“ anzusehen.
Natürlich ein Omen. Handelt „The Shining“ doch von einem abgelegenen Hotel im Schnee, wo ein Autor durchdrehen und versuchen wird, seine Familie umzubringen. Und auch in „The Shards“ haben wir es mit einem Erzähler zu tun, bei dem chronisch unklar bleibt, was er nun eigentlich ist: Zeuge oder Regisseur der blutigen Ereignisse, die ihn und die Seinen im Spätsommer des Jahres 1981 heimsuchen.
Die wilden 80er: Überall Partys, Sex und Drogen
US-Bestsellerautor Bret Easton Ellis hat mit „The Shards“ seine Jugend zum Stoff eines autofiktionalen Romans gemacht. 700 Seiten über den jungen Bret und seine Freunde in ihrem Abschlussjahr an einer Privatschule in LA. Alle reich und schön, überall Partys, Sex und Drogen und nur zwei Schatten, die das wohlstandsverwahrloste Leben in den Hills eintrüben: Brets Homosexualität, die Anfang der Achtziger zwar ausgelebt, aber nicht offen zur Schau gestellt werden darf. Und der besagte Serienmörder, der in der Nachbarschaft wildert und seine Teenager-Opfer vornehmlich mit Tierkadavern verziert.
Ein Serienmörder, den Bret in seinem neuen Mitschüler Robert (Homer Gere) erkannt haben will, der ihn, natürlich schön wie ein Hollywoodstar, anzieht und verunsichert zur gleichen Zeit. Weshalb für den Leser – beziehungsweise für den Zuschauer – nie so ganz klar ist, ob nicht vielleicht andere Motive hinter Brets Vendetta stecken als die Suche nach der Wahrheit.
Neue „American Horror Story“ von Ryan Murphy
Wer den Roman kennt, der ahnte, dass eine Verfilmung nicht leicht werden würde. Geplant war sie seit Jahren. Ein erster Versuch wurde wegen kreativer Differenzen wieder abgebrochen. Dann übernahm Ryan Murphy, in mehrerlei Hinsicht eine ideale Wahl: Genauso alt wie Ellis, mit einem Faible für queere Stoffe und, als Schöpfer der Serie „American Horror Story“, geübt in der Bebilderung amerikanischer Albträume.
Außerdem pflegt Murphy einen ganz eigenen visuellen Stil, der wunderbar zu Ellis‘ Vorlage passt. Er entwirft Szenen, die unheimlich akkurat eingerichtet sind, die in Kulisse und Farbigkeit die Achtziger fast zu idealtypisch einfangen. Und die trotzdem irgendwie abstrakt bleiben: zu leer, zu statisch, mehr Bühne als Umwelt. Wie aus dem Hochglanzkatalog wirkt das, überinszeniert. Und löst damit die gleiche Skepsis aus wie der Erzähler im Roman, der einmal folgendes sagt: „Musikvideos werden ganz sicher die große neue Kunstform, sie erschaffen ein Narrativ in unter fünf Minuten und entführen dich in den Verstand des Musikers, in manchen Fällen erfährst du erst dadurch, worum es im Song überhaupt geht.“
So langweilig. Und so unterhaltsam!
Und tatsächlich fühlt man sich auch in dieser Serie wie in einem überlangen Musikvideo gefangen, einem atmosphärischen Kaleidoskop betörend schöner Bilder, untermalt von einem popmusikalischen Best-of der 80er. Die Stimmung steht im Vordergrund, die Handlung spielt eher eine Nebenrolle. Crime ist diese Serie nur dem Namen nach, die ständig dräuende Gefahr mehr Metapher als Spannungstreiber. Und auch die Figuren bleiben erstaunlich flach, glatt, entwickeln sich kaum weiter.
Um es also einmal klar zu sagen: Diese Serie ist ausgesprochen langweilig. Was gar kein Problem ist. Denn: Zwar will man nicht wissen, wie es weitergeht – aber genauso wenig will man, dass es aufhört. „The Shards“ ist keine Unterhaltung, sondern eine Verführung. Und damit ein großartiger Zeitvertreib.
„The Shards“, zu sehen bei Disney+

