Der große Traum vom Leben in Israel
Rahel Straus verlor früh – sie war drei Jahre alt – ihren Vater. Die Mutter ermöglichte ihr und auch ihren Geschwistern, darunter den beiden älteren Schwestern, dennoch Schuldbildung und Studium. Sie eröffnete damit Wege zur beruflichen Unabhängigkeit, ungewöhnlich für die Zeit. Rahel Straus, die dann als Gynäkologin arbeitete, wurde zudem Anhängerin der zionistischen Idee: der Rückkehr nach Israel.
„Sie war fasziniert davon, dass man zurückkehrt und ‚Alija macht‘ ins Heilige Land, als deutscher, französischer oder englischer Jude“, so Specht. „Das schien ihr als Lösung und Möglichkeit, in einer Zeit, wo in Europa durch die Dreyfuß-Affäre Schockwellen durch die jüdischen Gemeinden gingen und man erkannte, das Aufgehen in der deutschen Nation, der französischen Nation – und trotzdem Jude bleiben dürfen, das wird schwierig.“
Chronik des wachsenden Judenhasses in Deutschland
Rahel Straus‘ Erinnerungen „Wir lebten in Deutschland“ enthalten unter anderem die eindrückliche Schilderung einer Reise 1907 nach Palästina, zusammen mit ihrem Mann. Ebenso gibt es ausführliche Berichte über das Leben in München und die politischen Zäsuren: Kriegsbeginn 1914, Revolution und Räterepublik, Hitler-Putsch, die wirtschaftliche Not und vor allem eben der Antisemitismus. Rahel Straus nahm den massiven Rechtsruck im Land sehr sensibel wahr.
Und sie wusste, wie tief der Einschnitt der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 sein würde: Ein Weiterleben in Deutschland war für sie nicht mehr denkbar. Ihr Mann starb im gleichen Jahr, an den Folgen einer Krebserkrankung. Sie schickte die Kinder ins Ausland, rettete das Vermögen und zog nach Jerusalem. 1963 starb sie Israel. Ihre Erinnerungen kommen nun zurück in das Land, aus dem sie vertrieben wurde. Mit ihnen die Geschichte einer so besonderen Frau.
„Wir lebten in Deutschland“, die Erinnerungen von Rahel Straus, herausgegeben von Heike Specht, sind in der Buchreihe „Die Andere Bibliothek“ erschienen.

