Im Dezember 2017 erreichte die Industrieproduktion in Deutschland laut Statistischem Bundesamt einen Höchstwert von 110,8. Im Mai 2026 lag er dann bei 90,9. Michael Böhmer von Prognos sagt: „Der Zustand von großen Teilen der deutschen Industrie ist wirklich ernst.“ Auch Torsten Schmidt, Leiter des Kompetenzbereichs „Wachstum, Konjunktur, Öffentliche Finanzen“ vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung RWI Essen, sagt: „Wir haben Probleme, gerade in der Industrie“, und Timo Wollmershäuser vom ifo-Institut bestätigt: „Wir haben eine Krise in der Industrie. Wir haben einen kräftigen Rückgang gehabt.“
Wie aussagekräftig ist eine lineare Trendlinie?
Auch wenn man einen langjährigen linearen Trend zwischen 1993 und 2017 über die Daten des Statistischen Bundesamtes legt – so, wie es auf der verbreiteten Grafik dargestellt ist –, zeigt sich tatsächlich eine Lücke zwischen dem langjährigen Trend und der Industrieproduktion im Jahr 2026.
Torsten Schmidt vom RWI Essen mahnt jedoch zur Vorsicht bei solchen linearen Trendlinien: „Das hilft manchmal zur Veranschaulichung. Manchmal führt es aber auch in die Irre.“ Im Fall der Grafik, die sich im Netz verbreitet, meldet Schmidt Vorbehalte an: „Man hat den Tiefpunkt und den Hochpunkt genommen und suggeriert, dass das der normale Trend ist. Das ist natürlich ein bisschen übertrieben“, sagt er.
Wie die eingezeichnete lineare Trendlinie auf der verbreiteten Grafik methodisch zustande kam, kann man beim Statistischen Bundesamt derweil nicht nachvollziehen. „Bei der ersten Betrachtung scheint es, dass lediglich eine gerade Linie von Januar 1993 bis Dezember 2017 gezogen wurde. Einen Trend auf diese Art darzustellen, würde nicht unseren methodischen Ansprüchen genügen“, so die Behörde.
Auch Wollmershäuser vom ifo sagt: „Davon auszugehen, dass sich dieser Trend in der Zukunft linear fortschreibt, so wie das hier gemacht wurde, ist denke ich auf jeden Fall nicht zulässig.“ In der makroökonomischen Theorie gebe es eine Reihe von Gründen, warum sich solche Trends ändern können, etwa ein Strukturwandel in der Industrie oder demographische Veränderungen.
Michael Böhmer von Prognos hält einen linearen Trend auf einer Darstellung der Industrieproduktion hingegen für legitim. Das würde zu der Entwicklung der Industrieproduktion im Zeitverlauf grundsätzlich durchaus passen, so Böhmer. Würde sich die Zeitreihe anders entwickeln, ginge das hingegen nicht: „Wir haben ja auch Zeitreihen, da ist der Trend exponentiell, da kann ich natürlich keine Gerade durchlegen. Oder sie ist asymptotisch, sie stößt langsam an eine Grenze. Da kann ich natürlich auch keinen linearen Trend durchlegen.“
Ökonomen: Bruttowertschöpfung ist aussagekräftiger als Industrieproduktion
Alle drei Ökonomen betonen aber: Die Industrieproduktion allein reicht nicht aus, um Aussagen über die Entwicklung der Industrie oder die Entwicklung der Gesamtwirtschaft Deutschlands zu treffen. Wollmershäuser etwa sagt: „Um über die wirtschaftliche Lage eines Landes oder auch über die wirtschaftliche Lage des Industriesektors Aussagen zu machen, muss man eine Reihe weiterer Indikatoren anschauen.“
Denn ein solcher Industrieproduktions-Index des Statistischen Bundesamtes misst lediglich die preisbereinigte Leistung des produzierenden Gewerbes in Deutschland ohne Baugewerbe. Ökonom Böhmer sagt: „Industrieproduktion bedeutet, vereinfacht gesagt, was aus den Fabriken an Produkten rauskommt.“ Die Statistischen Landesämter erheben dafür jeden Monat Wert und Menge der monatlichen Produktion von Industriebetrieben in Deutschland. Zu den größten Industriezweigen in Deutschland zählen etwa die Automobilindustrie, die chemische und pharmazeutische Industrie, der Maschinenbau oder die Elektroindustrie.
Schmidt, Böhmer und Wollmershäuser sagen dem #Faktenfuchs: Geeigneter für die Messung und Darstellung der Entwicklung der deutschen Industrie sei die sogenannte Bruttowertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe. Schmidt sagt: „Viele Maschinenbauer und die Automobilindustrie verkaufen eine Maschine, die sie selber gebaut haben. Das ist dann auch in der Industrieproduktion drin. Aber die ganzen Dienstleistungen, die dazu angeboten werden, zur Wartung, zur Auswertung von Daten und all diese Dinge, die an Bedeutung gewonnen haben, die sind in der Wertschöpfung enthalten, aber nicht in der Industrieproduktion.“ Auch Wollmershäuser betont die Bedeutung dieser sogenannten Tertiärisierung, also der zunehmenden Wertschöpfung durch Dienstleistungen im Zusammenhang mit Industrieprodukten.
Hinzu komme die Verlagerung eines Teils der Produktion ins Ausland. „Aber die Entwicklung und Vermarktung der Autos ist in Deutschland geblieben. Wir messen also, dass im Grunde genommen die Produktion zurückgeht. Sehen aber gleichzeitig, dass die Wertschöpfung diesen Rückgang nicht im gleichen Umfang mitmacht“, so Wollmershäuser. Man erfasse nur einen Teil des Strukturwandels in der Industrie, wenn man nur auf die Industrieproduktion schaue.
Bruttowertschöpfung ging seit 2015 sogar nach oben
Michael Böhmer von Prognos erklärt, dass sich die beiden Werte – Industrieproduktion und Wertschöpfung – über viele Jahrzehnte quasi parallel entwickelt hätten. Anhand der Industrieproduktion, die häufiger veröffentlicht werde als die Bruttowertschöpfung, konnte man sehen, wie sich auch die Wertschöpfung veränderte, so Böhmer. „Das ist vor ein paar Jahren aufgebrochen, etwa mit der Corona-Krise. Da ist der Produktionswert deutlich zurückgegangen. Die Bruttowertschöpfung ist aber lange ziemlich stabil geblieben.“ Mittlerweile gehe die Bruttowertschöpfung zwar auch zurück, allerdings nicht so stark wie die Produktion, so Böhmer.
Dieser Unterschied zwischen der Entwicklung von Bruttowertschöpfung und Industrieproduktion wird deutlich, wenn man die beiden Indizes in einer Grafik übereinanderlegt. Während der Index der Bruttowertschöpfung seit 2015 sogar leicht auf 103,4 angestiegen ist, ist die Industrieproduktion seitdem auf 89,5 gesunken.

