Zum Tod der Sopranistin Ileana Cotrubaș
Charakterstark und charismatisch
Charakterstark und charismatisch
Die Rumänin Ileana Cotrubaș war beides: eine der berühmtesten Sopranistinnen des 20. Jahrhunderts und eine der streitbarsten Künstlerinnen in der Opernbranche. Ihre künstlerische Unabhängigkeit hat sie stets verteidigt – auch die Entscheidung, sich mit gerade einmal 51 Jahren von der Bühne zurückzuziehen. Nun ist sie im Alter von 87 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Bildquelle: picture-alliance/United Archives
Wolfgang Amadeus Mozart war ihr Lieblingskomponist: „Mozart ist nicht nur für mich, sondern ich glaube, für uns alle das universale Genie“, sagte Ileana Cotrubaș. „Ich habe in meinem Leben sehr oft die ‚Zauberflöte‘ gesungen und kann Ihnen ehrlich sagen, ich kann trotzdem nie genug davon bekommen. Bei Mozart finde ich jedes Mal aufs Neue so viele schöne Sachen!“ Partien wie die Susanna aus dem „Figaro“, die Ilia aus „Idomeneo“ und eben die Pamina aus der „Zauberflöte“ bildeten den Kern ihres Repertoires.
Pamina und Papageno (Die Zauberflöte) – La Flauta Mágica
Ileana Cotrubaș schont als kluge Sängerin ihre Stimme
Auch wenn Ileana Cotrubaș weit weniger Opernrollen verkörpert hat als die meisten ihrer Kolleginnen, und mit ungefähr 35 Auftritten pro Saison einen Vorstellungs-Minus-Rekord unter den Top-Stars aufgestellt haben dürfte: Eine der wichtigsten Sopranistinnen des 20. Jahrhunderts war die Rumänin trotzdem. Oder gerade deswegen? „Die Stimme ist ein sehr delikates Instrument“, erklärte die Sängerin. „Ich persönlich zum Beispiel werde sehr schnell müde während einer Aufnahme. Ich bereite mich für den ersten Take vor, aber dann klappt es vielleicht nicht mit dem Orchester, oder der Tenor war nicht im Rhythmus, oder der Bariton. Dann müssen wir zwei-, dreimal ‚ran, und meine Stimme wird da sehr schnell müde.“
Cotrubas, Te Kanawa and von Stade in Marriage of Figaro
Rückblick auf die Gesangskarriere von Ileana Cotrubaș
Ileana Cotrubaș wird 1939 in Galati an der rumänischen Schwarzmeerküste geboren. Die Familie ist musikalisch, und so singt Ileana bereits mit neun Jahren im Kinderchor des Bukarester Rundfunks und darf auf die Bühne der Oper. Nach Musikschule und Studium – neben Gesang auch Klavier, Geige, Akkordeon und Chordirigieren – geht alles Schlag auf Schlag. Das Debüt 1966 an der Bukarester Oper als Yniold in Debussys „Pelléas et Melissande“, im selben Jahr der erste Preis beim ARD-Musikwettbewerb in München, der sie im Westen bekannt macht.
Riesenerfolg als Mimì auf der Opernbühne
Christoph von Dohnányi holt die zierliche Rumänin mit dem perlend-leichten Sopran und dem umwerfenden Charisma an die Oper Frankfurt. Von dort geht sie nach Wien, erarbeitet sich vor allem Mozart und Strauss-Partien. 1975 wird eins ihrer besten Jahre: mit dem Debüt an der Mailänder Scala, als Mimì in Puccinis „La Bohème“, in letzter Sekunde eingesprungen für Mirella Freni. Der Italienerin steht sie an Innigkeit, Zartheit und stimmlicher Noblesse in nichts nach.
Ileana Cotrubas – „Si. Mi chiamano Mimi“ from La Boheme
Phänomenale „Traviata“ mit Carlos Kleiber
Im Jahr darauf ist Ileana Cotrubaș als Violetta in Verdis „La Traviata“ an der Bayerischen Staatsoper zu Gast, mit Plácido Domingo als Partner und mit dem legendären Carlos Kleiber im Orchestergraben. Es werden Momente ihres größten Triumphs, und Momente größter künstlerischer Befriedigung: „Mit Kleiber zu arbeiten, da geht es nicht darum, dass er sagt: Schau, du musst hier piano singen oder forte“, erzählt Cotrubaș. „Die Zusammenarbeit mit Kleiber ist so komplex, so immens – und auch, wie er mit einem Orchester arbeitet, ist unglaublich. Mit Kleiber kann ich meine Seele zerreißen, ich kann mich kaputt machen, mit ihm kann ich an meine Grenzen gehen. Um mit Kleiber noch einmal arbeiten zu können, dafür würde ich alles tun.“
Ileana Cotrubas, La Traviata
Um mit Kleiber noch einmal arbeiten zu können, dafür würde ich alles tun.
Ileana Cotrubaș
Markantes Karriereende mit 51 Jahren
Die Karriere von Ileana Cotrubaș dauert gerade einmal 24 Jahre. Mit 51 verabschiedet sich die Sopranistin, deren Gesundheit nie grenzenlos war, ohne erkennbaren Stimmverschleiß genauso markant und diszipliniert von der Opernbühne, wie sie ihr vorher gedient hatte. Und hinterlässt einen Opernbetrieb, der ihr höchst suspekt war und den sie in ihrer aktiven Zeit immer wieder lautstark kritisiert hat.
Meinungsstark gegenüber Regisseuren und Intendanten
Entscheidend sei nicht die Berühmtheit, sondern die Frage, wieweit man bereit sei, seine eigenen Vorstellungen zu verteidigen, so lautete ihr Credo, das ihr unter Regisseuren und Intendanten nicht nur Freunde eingebracht hat. Wenn eine Inszenierung sie nicht überzeugte, stieg die Cotrubaș auch aus laufenden Produktionen aus: 1973 in Wien im „Eugen Onegin“, 1980 an der Met im „Don Pasquale“. 1987 tritt sie in Zürich nach einer Gala-Vorstellung der „Traviata“ vor das Publikum, entschuldigt sich für das Mitwirken in einer ihrer Ansicht nach indiskutablen Produktion.
„Ängstlich war sie nie, sondern immer ehrlich“, brachte es der österreichische Musikkritiker Karl Löbl auf den Punkt. Diese ehrliche Stimme ist nun endgültig verklungen. Die rumänische Sopranistin Ileana Cotrubaș ist heute im Alter von 87 Jahren gestorben. Das teilte die Opera Națională București mit.
Idomeneo Ilia’s Aria Zeffiretti lusinghieri Undertitled
Ein Beitrag von Annika Täuschel
Sendung: „Leporello“ am 20. August ab 16:05 Uhr auf BR-KLASSIK

