Nicht die „Dialektik der Aufklärung“, sondern die „Dialektik der Abkühlung“ ist für Jan Eike Dunkhase das große Thema der Moderne. Denn je mehr wir (künstlich) kühlen, desto wärmer wird es auf der Welt. In seinem neuen Buch „Kühle neue Welt“ [externer Link] erzählt der Historiker von der Entstehung dieses Teufelskreises.
Eis als Luxusgut
Begonnen hatte alles in der frühen Neuzeit, als Eis noch Luxusware war und nur auf natürlichem Weg, direkt aus gefrorenen Seen etwa, gewonnen werden konnte. Was auf den Transportwegen nicht schmolz, diente der Fleischkonservierung, dem Weingenuss und den exquisiten Wünschen einiger weniger.
Ende des 19. Jahrhunderts tauchten dann die ersten Kühlmaschinen auf. Jetzt war es möglich, die „künstliche Kälte“, wie Dunkhase sie im Buch durchgehend nennt, vor Ort herzustellen. Das endete in Bayern zunächst in einem Prosit der Gemütlichkeit. Von der technischen Innovation profitierte nämlich in erster Linie die Bierindustrie. „Bis 1900 waren in Deutschland 90 Prozent aller Kältemaschinen in Brauereien im Einsatz“, erklärt Dunkhase.
Vom Kühlschrank zur Klimaanlage
Doch nach und nach begann die künstliche Kälte auch unsere Privat- und Innenräume zu erobern. Ausgehend von den USA legten sich in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge des Wirtschaftswunders auch mehr und mehr Deutsche einen Kühlschrank zu. Mitte der 1970er-Jahre stand dieser in nahezu jeder westdeutschen Küche.
Langsamer verbreitet(e) sich dagegen die Klimaanlage, wobei Studien mit einer Verdreifachung des weltweiten Bestandes bis 2030 rechnen – für das Klima ein Problem, sagt Dunkhase. „Heutzutage wird natürlich auch die Absurdität dieser Technologie offensichtlich: dass sie neben dem, was sie erzeugen will, auch das erzeugt, was sie eigentlich bekämpft.“
Kälte als Metapher
Die europäische Faszination für Kälte hatte – auch das zeigt Dunkhase – phasenweise auch ideologische bzw. koloniale Züge. Nicht nur, dass der „weiße Mann“ mit „kaltem“ Herz den globalen Süden unterdrückte und ausbeutete, er brachte auch sein Temperaturgefühl und seine Vorurteile in die heißen Breitengrade.
„Hitze“ wird selbst heute noch oft mit „Faulheit“ oder „Raserei“ in Verbindung gebracht, während der sprichwörtliche „kühle“ Kopf für Vernunft, Rationalität und Tugendhaftigkeit steht. Bis in die Literatur- und Kulturgeschichte verfolgt Dunkhase die Wirkmacht solcher Metaphern. Vor allem die Coolness in der Popkultur zehrt von ihr.
Auch diese Haltung lebe davon, das Innere gegen die Außenwelt abzuschirmen. „Das hat man ja in gewisser Weise in einem klimatisierten Raum auch“, sagt Dunkhase. „Bei Horkheimer und Adorno gibt es außerdem diese berühmte Metapher der ‚bürgerlichen Kälte‘. Auch die lässt sich eigentlich ganz gut mit dem Prinzip der Klimaanlage in Verbindung setzen.“
Gefangen im Teufelskreis
In diesem Sommer waren in Bayern mobile Kühlgeräte vorübergehend ausverkauft und Klimaanlagen-Installateure ausgebucht. Das zeigt: Der Bedarf an künstlicher Kühlung ist hierzulande so hoch wie nie. Die damit einhergehende Erwärmung also vorprogrammiert.
Einen Weg aus dem Teufelskreis zeigt Dunkhase in „Kühle neue Welt“ nicht auf, Lösungen bietet er als Historiker keine an. Das ist die einzige Schwäche dieses nicht immer leicht zu lesenden, aber lesenswerten Sachbuches.

