Elf Arzneien auf Rezept, dazu drei weitere, die sich Alexandra S. selbst besorgt: Die Medikamentenliste, die die 65‑Jährige mit der Apothekerin Verena Ruß durchgeht, ist beträchtlich. Ruß erklärt Schritt für Schritt, welche Wechselwirkungen die Präparate untereinander entfalten können, und auf welche Warnsignale die Patientin entsprechend achten soll. Auch dass es wichtig ist, bestimmte Medikamente vor anderen Präparaten einzunehmen, damit sie etwa ihre Wirkung als Magenschutz entfalten können, erklärt die Betreiberin der „Mary’s Apotheke“ im Münchner Stadtteil Moosach der Patientin.
Neue Chancen für Apotheken
Seit vier Jahren dürfen Apotheken mit den gesetzlichen Krankenkassen für Beratungsleistungen ein Honorar abrechnen. Erklärungen, wie man ein Inhalationsgerät benutzt, gehören ebenso dazu, wie die Beratung zu einer Medikamentenliste oder die Blutdruckkontrolle.
Verena Ruß sieht darin eine echte Chance für ihren Berufsstand. Bei den pharmazeutischen Dienstleistungen könne sie ihr Fachwissen wirklich einbringen, sagt die promovierte Pharmazeutin. Und Apotheken könnten damit ihre Rolle im Gesundheitswesen verändern: weg von einer Abgabestation von Medikamenten, hin zu etwas ganz anderem: „Dass man eine Anlaufstelle ist, um Gesundheitsfragen im Gesamten beantwortet zu bekommen.“
Branchenverbände setzen auf Aufbruchstimmung
Beim Apotheken-Dachverband Abda wünscht man sich mehr Mitglieder, die mit so viel Enthusiasmus pharmazeutische Dienstleistungen oder auch Impfungen anbieten, wie es Verena Ruß tut. Bislang bietet erst gut die Hälfte der Apotheken pharmazeutische Dienstleistungen, geimpft wird nur in etwa jeder fünften Apotheke.
Doch nach einer Verbandsumfrage könnte sich die Zahl der Apotheken, die impfen, verdoppeln, erklärt Thomas Preis, Präsident der Abda. Denn die Bundesregierung will die Zahl der Impfungen, die Apotheken anbieten dürfen, deutlich ausweiten: über die jetzt bestehende Möglichkeit von Grippe- und Corona-Impfungen hinaus.
Auch die Zahl der zulässigen pharmazeutischen Dienstleistungen steigt. So sollen Apotheken beispielsweise Raucher unterstützen können, vom Tabak loszukommen.
Gemischte Bilanz
Die wirtschaftliche Stimmung unter Deutschlands Apothekerinnen und Apothekern hat sich zuletzt aufgehellt. Im Jahr 2024 gaben noch 63 Prozent an, sie befürchteten eine Verschlechterung ihrer Lage. Inzwischen ist der Anteil der Pessimisten auf 38 Prozent gesunken. Dazu beigetragen hat eine schrittweise Erhöhung der Honorare, die die Bundesregierung auf den Weg gebracht hat.
Wirklich gut sei die Stimmung aber noch nicht, sagt Abda-Präsident Preis. Und die Verärgerung über ihrer Ansicht nach zu viele bürokratische Vorschriften bleibe in der Apothekerschaft weitgehend konstant. Dazu gehöre auch Unmut darüber, dass das elektronische Rezept immer noch nicht völlig rund läuft, sagt Preis. Ein stundenlanger großflächiger Ausfall der Technik beim E-Rezept, wie er erst vergangene Woche wieder vorkam, dürfe einfach nicht mehr vorkommen: „Es kann nicht sein, dass so eine zentrale Aufgabe in unserem Land nicht funktioniert.“
Ärger über ausländische Versender
Zusätzliche Anstrengungen der Politik wünschen sich die traditionellen Apothekerverbände auch, wenn es um die Konkurrenz durch große Versandapotheken mit Sitz in Holland geht, wie Doc Morris oder Shop Apotheke. Weil sie von jenseits der Grenze Arzneien nach Deutschland liefern, könnten sie ungestraft gegen Regeln verstoßen, die für alle deutschen Apotheken gelten, ärgert sich Preis.
Nicht hinnehmbar findet es der Verbandschef vor allem, dass Versandapotheken damit werben, dass sie Rezeptgebühren übernehmen. Deutschen Apotheken ist ein solches Entgegenkommen verboten.
Gleiche Regeln für alle gefordert
Verena Ruß, die die Gesundheitspolitik von ihrer Apotheke im Münchner Norden aus beobachtet, hat nicht grundsätzlich etwas dagegen, dass Patienten Arzneien online bestellen können. Sie bietet selbst einen entsprechenden Service an. Aber ebenso wie die Branchenverbände findet sie eines unerlässlich: dass für alle die gleichen Regeln gelten. Dass die einen Zuzahlungen erlassen können und die anderen nicht, ist in ihren Augen ganz klar eines: „eine Wettbewerbsverzerrung“.

