„Bizarr“ nennt Student Leon Falk das Buch, das er in der Hand hält. Für ein Auslandssemester, das er in der französischen Stadt Nancy verbringt, hat er sich online einen Reiseführer besorgt. Auf 164 Seiten findet sich kein Bild und nur wenige Informationen über Sehenswürdigkeiten.
Starker KI-Verdacht
Rätselhaft findet Leon Falk etwa den Eintrag zum Stadtpark Parc de la Pépinière. Darüber steht eine englische Überschrift: „Nursery Park“. Unter „Sprachtipps“ findet sich als Empfehlung fürs Kaffeebestellen, man solle „zhuh voo-dray un kah-fay“ sagen. Denn so klinge der französische Satz „Je voudrais un café“ – „Ich möchte einen Kaffee.“
Falk ist sicher: Was vorgibt, ein Reiseführer über eine Stadt zu sein, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, ist etwas ganz anderes: „Das ist mit Künstlicher Intelligenz gefaked.“ Die 20 Euro, die das Buch gekostet hat, seien „für die Tonne“.
Ein Autorenname – 330 Titel
Den KI-Verdacht des Studenten verstärkt hat eine Suche auf der Seite des Versandhändlers Amazon nach weiteren Titeln unter dem Namen „Cameron L. Hartwell“, der auf dem Buchcover des Nancy-Führers steht. Anfang September waren unter diesem Namen 330 Titel gelistet: Vom Camping-Urlaub in Schweden über Tipps für Gorilla-Touren in Uganda bis zu Titeln über Georgien und die kroatische Insel Brač.
Branchenverband schlägt Alarm
Beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels, der die Interessen von Verlagen und Buchhändlern vertritt, ist das Problem bekannt. Vor allem in den Sparten Reiseführer, Kinderbuch und Ratgeber würden online immer mehr Titel angeboten, die unter akutem KI-Verdacht stehen, sagt der Verbands-Sprecher Thomas Koch: „Das hat in den vergangenen drei Jahren massiv zugenommen.“
Problem für Autoren und Verlage
Andreas Walter, der als Verleger auf Reise- und Sachbücher spezialisiert ist, sieht für seriös hergestellte Bücher eine gefährliche Konkurrenz durch KI-generierte Titel. Wer auf Online-Seiten ein ansprechend gestaltetes Cover sieht und mit Jahreszahlen wie „2026-2027“ einen brandaktuellen Titel versprochen bekommt, der vertraue oft darauf, dass er ein brauchbares Buch erhält. „Wenn ich ein Experte in Online-Marketing bin, kann ich im Zweifelsfall über Plattformen wie Amazon fast alles verkaufen.“
Dazu komme, dass unter KI-generierten Titeln oft gute Bewertungen stünden, sagt Walter. Doch auch bei denen bestehe meist der dringende Verdacht, dass sie fingiert sind.
Verstoß gegen Urheberrechte
Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels sieht noch ein weiteres Problem in KI-generierten Büchern. Damit Künstliche Intelligenz Texte erzeugen kann, die daherkommen wie Reise- oder Sachbücher, werde sie mit Büchern trainiert, die von Menschen geschrieben wurden, betont der Verbandssprecher Koch: „Ohne Genehmigung und auch ohne Vergütung.“
Gegen KI-generierte Pseudo-Bücher vorzugehen, sei allerdings schwer, stellt der Reisebuch-Verleger Walter fest. Es sei wenig sinnvoll, etwa ein Label „KI-freies Buch“ zu fordern. Denn bei der Recherche oder beim Überarbeiten von Texten griffen auch seriöse Autorinnen und Autoren inzwischen auf KI zurück. Und es gebe ein weiteres Problem: „Wie will ich so ein Label kontrollieren?“
Amazon verspricht Maßnahmen
Die deutsche Sparte von Amazon betont, sie setze sich dafür ein, dass Kunden auf die Qualität der Bücher vertrauen können, die der Versandhändler vertreibt. Es gebe Schutzmaßnahmen, die laufend ausgebaut würden, erklärt Amazon auf BR-Anfrage.
Nach der entsprechenden Anfrage hat sich das Angebot von Amazon umgehend verändert. Die 330 Reiseführer-Titel, die Anfang September noch unter dem Autorennamen „Cameron L. Hartwell“ auf der Seite zu sehen waren, sind nach der Anfrage des BR allesamt von der Seite verschwunden.
Kritische Kunden gefragt
Der Verleger Andreas Walter glaubt aber nicht, dass Selbstkontrolle von Anbietern wie Amazon genügt: „Die verdienen ja an jedem Titel, der so verkauft wird.“ Vielmehr müssten Kundinnen und Kunden darauf achten, dass sie sich nicht von einem ansprechend gestalteten Cover täuschen lassen. Und der beste Weg, sich vor bösen Überraschungen bei Online-Bestellungen zu schützen, sei es, in eine Buchhandlung zu gehen, sagt Walter. Dort wisse man, was ein seriöser Verlag ist und wo Vorsicht geboten ist.

