Der Traum vom eigenen Haus und von Nachhaltigkeit: Lässt sich das zusammenbringen? Hinterschmiding im Bayerischen Wald im September 2022: Leni Rehberger erwirbt einen raren Bauplatz. Ein Glücksfall, ganz in der Nähe ihrer Eltern. Sie möchte selbst ein kleines Haus bauen, für sich und ihre beiden Kinder. Das Problem: Geld ist nicht viel da.
„Es war am Anfang der Planung für mich nicht unbedingt wichtig, ein ökologisches Haus zu bauen, sondern ein Haus, das ich finanziell irgendwie stemmen kann“, sagt Bauherrin Leni Rehberger. Ihr Schwager Simon Jüttner ist Architekt. Er will bei der Planung helfen. Unter einer Bedingung: „Dass wir forschend bauen und das für uns als Experiment betrachten.“
Sein Ziel: komplett auf Zement, Kleber und Leime zu verzichten. Denn: Die Herstellung von Zement verursacht weltweit acht Prozent der CO2-Emissionen. Im konventionellen Hausbau steckt er fast überall: in Beton, Estrich, Mörtel, Putz oder Klebern. Womit ersetzt man das alles? „Bauen ohne Zement bedeutet, dass man keine Betonbodenplatte machen kann. Und dass man auf traditionelle Bauweisen zurückgreifen muss“, erklärt Architekt Simon Jüttner. Früher habe jedes Gebäude im Bayerischen Wald auf einem Granitsockel gestanden. „Aber heute ist es ein Novum.“
Granitblöcke statt Betonbodenplatte
Simon Jüttners Lösung: Ein Dutzend Fundament-Türme aus massiven Granitblöcken, jeder einen knappen Meter breit, die bis zu zwei Meter tief ins Erdreich eingegraben werden. Das Gebäude ist vom Boden abgehoben. Wie eine Holzschachtel, die fliegt. Stabilität bringt eine weitere alte Technik: Fachwerk. Diagonalen aus Holz, die überall sichtbar bleiben.
Manche Besucher wundern sich über die schräg durch die Fenster verlaufenden Balken. Und auch bei der Dämmung kommt ein nachwachsender Rohstoff zum Einsatz: Hanfkalk. „Das ist eine Mischung aus Hanfschäben und Kalk, die wird im Liegen in diese Wandelemente eingebracht und härtet dann aus.“, sagt Architekt Simon Jüttner.
Enorm viel Eigenarbeit nötig
Die leimfreien Hanfkalkwände entwickelte Simon Jüttners Büro in Zusammenarbeit mit einem Handwerker, der sie auch herstellte. Allein das dauerte Monate. Nur mit enorm viel eigener Arbeit konnte Schwägerin und Bauherrin Leni Rehberger sich all diese Experimente leisten. Gemeinsam mit ihrem Partner Hannes steckten sie jede freie Minute in den Bau. So blieben die Kosten unter 300.000 Euro. Und Leni Rehberger integrierte viele wiederverwertete Teile, etwa die Haustür: „Die haben wir hier von einem Bauern aus dem Dorf“, erzählt Leni Rehberger. „Die haben die ausgebaut und dann haben wir gesagt, die nehmen wir uns für 250 Euro. Eine Vollholztür kriegst du nicht wieder.“
Das ganze Haus, sagt Leni Rehberger, sei gewissermaßen um eine gebrauchte Badewanne herum geplant worden. Zwei große Fenster bilden die Ecke des Badezimmers im ersten Stock: In der Badewanne liegen, mit Blick in die Natur. „Die haben wir geschenkt bekommen von einem Handwerker, der wollte die wegwerfen“, berichtet Leni Rehberger.
Ein Wagnis – mit Erfolg
Vom Treppenhaus trennt das Bad nur eine Glasscheibe und ein Vorhang, damit das Licht, wenn gerade niemand badet, auch auf die Treppe fallen kann. Bei insgesamt gut 70 Quadratmetern zählt innen jeder Winkel.
Leni Rehberger zeigt die Kinderzimmer: Die Hochbetten haben keine Pfosten, sind einfach an der Decke aufgehängt. So werden wieder wichtige Quadratmeter gewonnen. Und die Regale sind hinter den Türen versteckt.
Leni Rehberger wollte vor allem eines: möglichst günstig bauen. Ihr Schwager, der Architekt, wollte konsequent ökologisch bauen. Zwei Ziele und am Ende eine Lösung: das Haus ohne Zement.
Hausprojekt mit Architekturpreis ausgezeichnet
Simon Jüttner will mit seinem Büro jetzt verdichteten Wohnungsbau und Geschosswohnungsbau auf ähnliche Weise umsetzen: ohne jegliche Zementprodukte: „Bis drei Geschosse ist das gut möglich mit dieser Konstruktion. Danach käme dieses Konstruktionsprinzip an gewisse Grenzen.“
Schwägerin Leni Rehberger ist begeistert von ihrem nachhaltig gebauten Haus. „Es hat mich dann irgendwie angefixt, dieser Gedanke, in so einem Haus zu leben und keinen Kleber einzuatmen und sonstiges. Wenn man was Neues macht, dann so. Einfach mit Möglichkeiten, das wieder zurückzubauen oder zu recyceln, ohne dass große Schadstoffe entstehen.“
Das Familienprojekt in Hinterschmiding wurde mittlerweile vom Fachmagazin „Detail“ ausgezeichnet und steht auf der Shortlist für den Preis des Deutschen Architekturmuseums.

