„Nie wieder!“: Lange schien dieser Grundsatz hierzulande unstrittig und damit der Konsens, wie wichtig das Erinnern an die Verbrechen des Nationalsozialismus ist. Doch heute steht die Erinnerungskultur sichtbar unter Druck. Rechte Akteure wollen die Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen zurückdrängen und stattdessen nationale Heldengeschichten betonen. Bereits 2017 etwa forderte der AfD-Politiker Björn Höcke eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“.
Im Rahmen einer Tagung in München (externer Link) an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften diskutieren Fachleute aus Erinnerungsarbeit und politischer Bildung am 26. Oktober, wie sie diesem Umdeuten von Geschichte begegnen können und Menschen erreichen, wenn deren Vorwissen und Mediengewohnheiten sich deutlich verändern.
Angriffe auf NS-Gedenkstätten nehmen zu
Wie konkret sich der Druck zeigt, erlebt Jens-Christian Wagner, Historiker und Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora (externer Link). Allein in den vergangenen fünf Jahren habe sich die Zahl der zur Anzeige gebrachten Straftaten an den Gedenkorten jedes Jahr verdoppelt: „Hakenkreuz- und SS-Schmierereien auf Gedenktafeln. Jugendliche, die den Hitlergruß zeigen, sogar in die Öfen hineinkriechen und den Daumen hoch zeigen. Die Fotos davon stellen sie dann gewissermaßen als Trophäen des ultimativen Tabubruchs ins Netz.“
Ähnliches melden zahlreiche Einrichtungen, die an NS-Verbrechen erinnern. Das zeigte eine Umfrage des ARD-Politikmagazins „Panorama“ (externer Link) Ende Februar 2026 unter rund 130 Gedenkorten. Auch im Internet und den sozialen Medien steige der Druck von ganz rechts auf die Erinnerungsarbeit, erklärt Deborah Schnabel, Direktorin der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main (externer Link): Dort werden etwa Zweifel an den NS-Opferzahlen geschürt, auch an der Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden.
Digitale Inhalte gegen Geschichtsrevisionismus
Für Sven Keller, Historiker und Leiter der Dokumentation Obersalzberg (externer Link), die vom Institut für Zeitgeschichte München–Berlin (externer Link) geleitet wird, ist klar, warum die extreme Rechte so gezielt gegen die Erinnerungskultur arbeitet: „Es geht um das Zurückdrängen von kritischem Nachdenken über die eigene Geschichte, um daraus Schlüsse zu ziehen für die eigene Gegenwart. Diese richten sich dann natürlich gegen die politischen Ziele, die gerade auch die AfD sehr offensiv vertritt.“
Geschichtsrevisionismus (externer Link) ist für die Erinnerungsarbeit kein neues Phänomen. Inzwischen wird er jedoch in weit größerem Ausmaß als früher verbreitet, gerade im Internet und in sozialen Medien. Jens-Christian Wagner sieht es als zentrale Aufgabe, auch dort seriöse, wissenschaftlich basierte Information entgegenzusetzen.
Für Deborah Schnabel ist entscheidend, digitale Räume und Formate zu bedienen, die Menschen gerne und freiwillig nutzen. Wagner sieht zudem Chancen, Erinnerungskultur inhaltlich besser aufzustellen. Denn wer Opfer würdigen wolle, müsse auch danach fragen, wie es zu den Verbrechen überhaupt gekommen ist: „Und das heißt, danach zu fragen, welche Motivation Täter, Mittäter, Profiteure hatten.“
Aufklärung mit Emotionen und Influencern
Für Sven Keller ist das ein Schlüssel, damit Geschichte nicht nur erinnert, sondern mit heutigen gesellschaftlichen Entwicklungen verknüpft wird: „Wo wäre ich vielleicht selber positioniert gewesen in so einer Gesellschaft? Wo kann ich Mechanismen erkennen, die heute auch gefährlich sein könnten?“ Dabei müsse man aber auch die Gefühlsebene ansprechen, meint Deborah Schnabel: „Das sieht man in den digitalen Medien: Da geht es nicht ohne Emotionalisierung, sonst geht man unter.“
Die Zukunft der Erinnerungsarbeit sieht die Psychologin darin, verstärkt hybrid zu agieren: vor Ort digitale und interaktive Angebote ausbauen, im Netz fundierte, ansprechende Inhalte bereitstellen (externer Link). Dazu zählen beispielsweise Zeitzeugenberichte, die mithilfe von künstlicher Intelligenz dauerhaft verfügbar bleiben. Bei der Zusammenarbeit mit qualifizierten Influencern habe die Bildungsstätte Anne Frank gute Erfahrungen gemacht. So sollen junge Menschen dort seriöse Informationen finden, wo sie sich ohnehin bewegen.
Was den Gedenkstätten Hoffnung macht
Dass diese Strategien etwas bewirken können, zeigt sich am Obersalzberg und in Buchenwald. Das Interesse an Führungen, Workshops und digitalen Angeboten sei groß. Für Jens-Christian Wagner ein Zeichen, auf dem richtigen Weg zu sein: „Wenn 19-, 20-Jährige ganz freiwillig kommen, ein junges Pärchen sich wirklich stundenlang in der Gedenkstätte aufhält, dann ist das eine Ermutigung unserer Arbeit.“

