Wie erzählt man im Jahr 2026 von der Zeit des Kolonialismus? Im neuen Roman „Afrika“ nimmt der in New York und Berlin lebende Autor Daniel Kehlmann diese Herausforderung an. Über den Schreibprozess sagt er: „Ich hatte bei der Arbeit das Gefühl, dass das das lustigste Buch ist, das ich je geschrieben habe.“
Könnte hinkommen. Daniel Kehlmanns neuer Roman „Afrika“ ist eine brillante Komödie. Das wird viele verwundern angesichts seines Themas: der Kongo-Konferenz 1884/85, dem Inbild kolonialistischer Großmannssucht und europäischen Herrenmenschentums, in deren Folge in Afrika „eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte“ seinen Lauf nahm, wie der 51-Jährige selbst schreibt.
Schreiben in „einer Zeit, in der Politik von Clowns gemacht wird“
Man könne sich diesem Thema nur in Form einer politischen Komödie nähern, davon ist Kehlmann überzeugt. Normalerweise schiele er nicht nach der Aktualität. Er habe das Gefühl, ein Roman, der in der Vergangenheit spielt, sei dann am besten und wirksamsten, wenn er die Zeit, in der er stattfindet, so fein und exakt wie möglich nachzeichne. Er betont: „Aber in dem Fall hatte ich wirklich das Gefühl, dass es auch eine Art Selbsttherapie war, in einer Zeit, wo Politik wirklich von Clowns gemacht wird, auch so eine Kongress-Komödie über katastrophale Idioten zu schreiben.“
Der Idioten sind auch in diesem Roman viele und es sind allesamt Männer, ob sie Otto von Bismarck oder Leopold II. von Belgien heißen. Letzterer bekanntlich ein brutaler Schlächter, der hier als sanfter Dämon mit „Spinnenhänden“ in Erscheinung tritt. Es waren, das zeigt Kehlmann sehr gewitzt in zahlreichen großartigen Dialogen, die europäischen Barbaren, die sich anmaßten, die damals so genannten „Wilden“ in Afrika zu zivilisieren. Die ersten Leser sind begeistert, unter ihnen Pankaj Mishra, einer der besten Kenner kolonialer Verbrechen. Er wird der amerikanischen und englischen Ausgabe von „Afrika“ einen Lobspruch spenden. Aber hatte der Deutsch-Österreicher Kehlmann gar keine Manschetten vor dem wahrlich nicht leichten Stoff?
Europäer als einfältige Tölpel
Man habe immer Manschetten, wenn man ein Buch schreibe, findet Kehlmann. Aber er sei selber in den letzten Jahren, die er in New York verbracht habe, vom postkolonialen Diskurs sehr geprägt worden. Von dem Diskurs über die Verbrechen Europas in Asien und Afrika, über die er z.B. in der Schule nichts gelernt habe. „Und ich glaube, dass ich da nicht nur nichts verkleinere, sondern dass eben diese Darstellung dieses Kongresses als die Farce, die er nun mal war, es auch wirklich ermöglicht, den Blick in diese Richtung zu schärfen“, sagt Kehlmann.
Daniel Kehlmann spart nicht an erzählerischen Volten: Die Europäer sind einfältige Tölpel in diesem Roman, während der aus dem heutigen Sudan stammende und historisch verbürgte Afrodeutsche August Albrecht Sabac el Cher als preußischer Kammerjunker den Staatsphilosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel zitiert. Sabac el Cher habe dann in Preußen gelebt, erzählt der Autor. Im Roman sei eine weitere Komik, dass Sabac el Cher ein feineres Deutsch spreche als jede andere Figur im Roman, und Kehlmann verrät: „Eine Technik, die ich bei ihm verwendet habe, ist, dass man bei ihm absolut nie weiß, ob er ironisch ist oder nicht. Also er dürfte der feinste Ironiker des ganzen Buches sein, aber man ist sich nie sicher bei ihm.“
Idee von Regisseur Volker Schlöndorff
Die Idee zu diesem Roman über die Kongo-Konferenz in Berlin hat Daniel Kehlmann übrigens der mit ihm befreundete Regisseur Volker Schlöndorff geschenkt, weil sich der Stoff als Film einfach nicht realisieren ließ. Ein Glück für Daniel Kehlmann und für die Literatur, denn nun liegt er vor uns, auf mitreißenden gut 250 Seiten, den der Autor selbst so beschreibt: „… kein Großwerk, sondern ein Roman, der innerhalb von 24 Stunden seinen Handlungsbogen anfängt und dann auch wieder schließt.“

