Ingrid Spath aus Lauf an der Pegnitz hat Krebs und wird nicht mehr lange leben. Die Diagnose war ein Schock. Sie hat viel mit ihrer Familie gesprochen und mit Bekannten auch. Einer von ihnen stellte ihr dann die Frage: „Ob das denkbar wäre für mich: Suizid?“
2025 haben sich im Vergleich zum Vorjahr fast zehn Prozent mehr Menschen in Deutschland das Leben genommen. Jahr für Jahr werden es mehr – jedenfalls seit 2020. Bis dahin waren die Zahlen in der Regel zurückgegangen. Aber nun ist der Trend umgekehrt. Zuletzt waren es so viele Suizide wie seit drei Jahrzehnten nicht mehr.
Assistierter Suizid seit 2020 nicht mehr verboten
2020 ist auch das Jahr, in dem das Bundesverfassungsgericht in einer Grundsatzentscheidung festgestellt hat: Es gibt ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Seither ist Unterstützung bei Selbsttötungen – der sogenannte assistierte Suizid – für Ärztinnen und Ärzte nicht mehr strafbar.
Konkret bedeutet das, dass es Ärztinnen und Ärzten erlaubt ist, ein tödlich wirkendes Medikament zu verschreiben oder die Nadel für eine tödlich wirkende Infusion zu legen. Entscheidend ist, dass die betroffene Person selbst die Medikamente zu sich nimmt oder die Infusion öffnet. Die aktive Sterbehilfe, bei der etwa ein Arzt oder eine Ärztin die tödliche Handlung ausführt, ist weiterhin verboten.
Vereine und Organisationen informieren online und vermitteln Erstgespräche. Auf ihren Webseiten stehen Slogans wie: „Ein selbstbestimmtes Lebensende – ärztlich begleitet und zuverlässig organisiert“ oder „Menschenwürdig leben – menschenwürdig sterben“.
Statistik führt assistierte Suizide nicht einzeln auf
Haben die gestiegenen Suizidzahlen etwas mit der Neuregelung des assistierten Suizids zu tun? Die amtliche Statistik unterscheidet nicht, ob ein Suizid assistiert war oder nicht. „Ich führe die erhöhte Zahl darauf zurück, dass die Bevölkerung zunehmend weiß, dass es in Deutschland auch eine legale Möglichkeit der Suizidassistenz gibt“, sagt Robert Roßbruch, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben. „Und das ist aus unserer Sicht auch gut so.“
Auch Ulrich Hegerl, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Depressionshilfe und Suizidprävention, glaubt, dass die assistierten Suizide die Zahl der Suizide insgesamt steigen lassen. Aber sie seien nicht alleine für den Anstieg verantwortlich. Sein Verdacht: „Dass eben für viele Menschen da eine Schwelle bestanden hat und es jetzt möglicherweise zu einer Art „Normalisierung“ des Suizids kommt.“ Eine Tabuisierung habe Menschen daran gehindert, sich das Leben zu nehmen, etwa „weil sie das der Familie nicht antun wollen“, vermutet er.
Assistierter Suizid auch in Hospizen ein Thema
Alexander Kulla leitet das Hospiz am Ohmplatz in Erlangen. Er beobachtet in seiner Arbeit nach dem Bundesverfassungsgerichtsentscheid zum selbstbestimmten Sterben 2020: „Vorher hat es den illegalen Charakter gehabt. Von daher senkt es schon die Schwelle auch bei den Leuten, das anzusprechen oder nachzufragen. Über den assistierten Suizid zu sprechen, wird normal.“
Zwölf Plätze hat das Hospiz, etwa eine Handvoll Anfragen nach assistiertem Suizid erreichten ihn jetzt pro Jahr, sagt Kulla. Er betrachtet ihn als eine Option für Schwerkranke. „Es kann für die Leute eine Option sein“, sagt er. „Und wir nehmen sie ernst und gehen ins Gespräch darüber. Es ist uns ganz wichtig, nicht zu verurteilen.“ Für viele Hospizbewohner sei es schon beruhigend zu erfahren, dass es im Fall der Fälle die Möglichkeit für sie gibt, einen assistierten Suizid in Anspruch zu nehmen, so Kulla.
Sollten sie sich zu einem assistierten Suizid entscheiden, müssen die Betroffenen selbst den Kontakt zum Sterbehilfeverein knüpfen. Das Hospiz der Diakonie unterstützt sie dabei nicht. Die Kirchen sehen den assistierten Suizid kritisch.
So hat sich die krebserkrankte Ingrid Spath entschieden
Als Ingrid Spaths Bekannter vorgeschlagen hat, sie könne sich angesichts ihrer Krebserkrankung selbst töten, war sie schnell entschieden: „Ich hab ‚Nein‘ gesagt. Ich will das letzte Stück, was ich hab, will ich wirklich noch genießen.“
Wie Sterbenskranke ihre letzten Tage oder Monate möglichst schmerzfrei und so angenehm wie möglich verbringen können, darauf sind Hospize spezialisiert. Ingrid Spath ist mittlerweile in eines eingezogen.
Sollten Sie selbst akut Hilfe benötigen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge. Beratung erhalten Sie unter der kostenlosen Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222. Weitere Hilfsangebote gibt es bei der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

