Die dunklen Haare zerzaust, die Wangen eingefallen: Die Strapazen des Transports von Würzburg nach Nürnberg sind Heinrich Michel anzusehen. Und dennoch blickt er selbstbewusst in die Kamera, dem Fotografen direkt in die Augen. So als wollte er sagen: Auch wenn ihr Nationalsozialisten mich schlagt und quält und umbringt – brechen werdet ihr mich nicht. „Der findet glaube ich nur noch Verachtung für dieses Gegenüber“, sagt Historiker und Kurator im Nürnberger Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände, Alexander Schmidt.
Dank Deportationsnummer Identität enthüllt
Das Foto zeigt Heinrich Michel 1941 kurz nach seiner Ankunft am Bahnhof Märzfeld in Nürnberg. Es ist kalt, Ende November. Heinrich Michel trägt einen Wintermantel und einen karierten Schal. Am Kragen hängt ein Zettel mit seiner Deportationsnummer: 339. Nur weil sie so gut zu lesen ist, konnte das fünfköpfige Historikerteam, das die beiden Fotostreifen in den vergangenen fünf Jahren erforscht hat, seinen Namen sowie weitere Informationen über ihn herausfinden – nämlich, dass Heinrich Michel von Beruf Schuster war, in Würzburg lebte, dort in zionistischen Kreisen aktiv war und der kommunistischen Partei nahestand.
Historiker geben Opfern ihren Namen wieder
Die Nationalsozialisten führten genau Buch darüber, wen sie abholten – die Listen mit Deportationsnummern halfen den Historikern, einige Identitäten der Menschen auf den beiden Fotostreifen zu klären. Ihnen ihre Namen wiederzugeben, ihre Geschichte. Auch bei einem zweiten Foto gelang dies. Es zeigt ein Mädchen von hinten, das gerade auf einen Lastwagen krabbelt. Auf seinem Rucksack steht ihre Deportationsnummer. Neben ihr sitzt eine Frau mit einem Kleinkind auf dem Arm. „Wir konnten dann über die Deportationsnummer schließen, dass es sich hier um ihre Mutter und ihre kleine Schwester handelt“, erklärt Kuratorin Nina Lutz.
Nur 52 Menschen überlebten die Deportationen aus Nürnberg
Das Foto zeigt Erika Schulz, ihre Mutter Mathilde und die kleine Schwester Hilde – diese war das jüngste Opfer jener Deportation, gerade mal ein Jahr alt. Von Nürnberg aus wurden die drei in ein Lager im Osten transportiert und dort 1942 von den Nazis ermordet, ebenso wie der Schuster Heinrich Michel aus Würzburg. Mehr als 2.000 Jüdinnen und Juden aus Franken deportierten die Nazis bei den beiden Transporten 1941 und 1942. Nur 52 Menschen überlebten. Nürnberg war eine der ersten deutschen Städte, aus denen Transporte in Richtung Osten gingen.
Kinobetreiber drehten Film für die Gestapo
Die beiden Fotostreifen waren so etwas wie ein Abfallprodukt. Denn die Fotografen, die Nürnberger Kinobetreiber Philipp und Richard Nickel, drehten im Auftrag der Gestapo einen Film und machten – vermutlich als Gedächtnisstütze – diese Fotos. Der Film ist verschollen, nur die Fotostreifen sind erhalten. Sie überdauerten die Jahrzehnte im Privatbesitz, bis sie vor fünf Jahren ins Dokuzentrum gelangten und die Forschung beginnen konnte.

